Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 56.1921

Page: 33
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1921/0037
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SM3 ZlluslrMteMmilienMtuW. 1S2,



Ein kritischer Augenblick.

Die von Beeren.
Roman von Georg Hartwig (Emmy Koeppel).
(Fortsetzung.)
a, ja," sagte Florian Beeren, „Verwandtschaften sind nicht
immer angenehm."
- „Ach was, Verwandtschaft!" rief Frau Zippelmann. „Ich
bin ja bloß mit der geborenen Pechler verwandt, und die ist schon
angesteckt von der Familie. In den Pechlers liegt so was nicht,
das sehen Sie an
mir."
„Sie sind eine
geborene Pechler,
FrauZippelmann?"
fragte Florian, d er¬
focht nichts zu sagen
wußte.
„Ja. Der älteste
Pechler, der den
Kohlenhandel an¬
fing, hat die Säcke
auf dem Rücken in
die Häuser geschleppt.
Sein Enkel, mein
Vater und Agathe
Pechlers Großvet¬
ter, der brauchte
das schon nicht mehr
zu tun, und —"
Frau Zippel¬
mann konnte nicht
weiterreden, denn
die Hausmagd Dörte
kam atemlos her¬
ein.
„Ich bekomme
den Bodenschlüssel
nicht."
Frau Zippel¬
mann sprang auf.
„Da soll doch aber-
gleich ... Hat mich
gefreut, Herr Bee¬
ren! Wird alles
gut besorgt werden.
Oder warten Sie
mal, ich komme so¬
gleich wieder."
Sie schoß durch
die Flurtür nach
drüben und läu¬
tete Sturm an dem
Klingelzug.
Frau Luitgarde
öffnete. „Unsere
liebe Frau Zippel¬
mann!" sagte sie
freundlich.
3. 1921.

Nach einem Gemälde von E. Kronberger.

„Zippel hin, Zippel her! Heraus mit dem Schlüssel!"
„Vermeiden Sie doch die Zugluft, liebe Zippelmann!" sagte
Frau Luitgarde, die Tür schließend, und zog Frau Mika ins
Zimmer. „Das ist doch kein Grund, sich so aufzuregen. Meine
Schwester Amalie kann gar nicht glauben, daß mir Ihnen nicht
näher stehen als die abziehende Bertini."
Amalie von Lure saß am Tisch, in der Nähe eines Schlüssel-
korbes, in dem Frau Zippelmann den umstrittenen Boden-
schlüssel vermutete.
„Ich will Ihnen was sagen, Frau Rentmeister," rief sie ent-
schlossen und schritt
auf den Schlüssel-
korb zu, „mir isÜs
gar nicht gleichgül-
tig, meine Küchen-
gans umsonst'rüber-
zuschicken! Diesmal
hört die Gemütlich-
keit auf."
„Aber nein," sag-
te Frau Luitgarde
sanft, „Sie sind ja
doch ein Gemüts-
mensch."
„Bin ich," rief
die Zippelmann mit
einerHandbewegung
nach den: Schlüssel-
korb. „Aber was zu
doll ist, ist zu doll.
Die Bertini steht
da mit den nassen
Gardinen, und bei
Herrn FlorianBee-
ren soll noch tape-
ziert werden, er
will seine Möbel
kommen lassen. Nu
mal raus mit dem
Schlüssel!"
„Alle Leinen sind
voll, liebste Zippel-
mann."
„Hausordnung ist
Hausordnung! Drei
Tage lang haben
Sie den Schlüssel
schon."
„Nicht möglich!"
entschied Fräulein
Amalie. „Morgen
soll die Bertini ihn
haben."
„Heute — gleich
— auf der Stelle!"
rief Mika Zippel-
mann. „Da liegt
der Schlüssel!"
Fräulein Amalie
loading ...