Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 56.1921

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Die von Beeren.
Roman von Georg Hartwig (Emmy Koeppel)-
(Fortsetzung.)
ein lieber Otmar, ich bin um eine Enttäuschung reicher,"
sagte die Rentmeisterin, ihre Hand auf des Angeredeten
Arm legend, was ihn wenig angenehm berührte, obwohl
es einen schönen Anblick bot, die stattliche Großmutter vom Enkel-
sohn geleitet zu sehen.
Otmar erinnerte sich nicht, der alten Dame Anlaß zu irgend-
welchem Verdruß geboten zu haben; mit gutem Gewissen fragte
er deshalb: „Darf ich wissen, was dir Unangenehmes wider-
fahren ist?"
Nun begann Frau Luitgarde, allerdings mit den ihr nötig
scheinenden Änderungen und Abkürzungen, zu schildern, was ihr
vor kaum einer halben Stunde begegnet war. Zuletzt sagte sie
melancholischer, als es nötig gewesen wäre — aber sie wünschte zu


zeigen, daß ihr gutes Herz ihr einen Streich gespielt habe —: „Der
gutgemeinte Versuch, den äußeren Anstand zu wahren, ohne uns
etwas zu vergeben, ist mißlungen. Wir haben nun getan, was
möglich war, und wenn die Leute in uns die Schuldigen sehen
wollen, so muß das hingenommen werden. Verpflichtet fühle
ich wenigstens mich zu nichts mehr."
Otmar ging mit ein paar nichtssagenden Worten über den
Verdruß der Großmutter hinweg; er ärgerte sich im stillen, daß
sie mit dem „Heringsbändiger" auf der Treppe verhandelt hatte,
wagte jedoch darüber keinen Tadel auszusprechen. Leichthin be-
merkte er: „Die lächerliche Geschichte ist nun einmal nicht mehr
ungeschehen zu machen; herumgeschwätzt wird in der ganzen
Stadt, aber bis jetzt benehmen sich die Leute überall taktvoll. Sie
tun wenigstens, als wüßten sie nichts davon. Neulich ging ich an
diesem Herrn Florian Beeren vorüber. Na, ich will weiter
nicht reden. Aber mir soll er nur nicht an die Karre fahren, das
könnte verdammt schlecht für ihn ausfallen!"
Die Rentmeisterin seufzte. Ihr war gar nicht gut zumute.

Herbst. 'Yi'etschmann.


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