Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 56.1921

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Die Wohltäterin.
Roman von M. Ko^zak.
in junges blondes Mädchen drehte sich langsam auf den
Zehenspitzen, um sich von den Gästen der Pension Hattas
in seinem neuen Ballkleid bewundern zu lassen. Alle
zollten der lieblichen Erscheinung Beifall, bis auf eine ältere
Dame, die sich aber im stillen am meisten des anmutigen Anblicks
erfreute. Mit einem Ausdruck fast schwärmerischen Entzückens
betrachtete sie das zarte, feine Gesicht des Mädchens; ein stolzes
Lächeln zuckte um die welken Lippen. Sie mochte ihre Be-
wunderung nicht offen aussprechen, denn sie war ja die Spen-
derin der schönen Toilette.
Fräulein Mia Ebner, von deren Großmut jeder, der in der
Pension Hattas wohnte, zu erzählen wußte, genoß allgemein
ein Ansehen, wie es alten unverheirateten Tanten nicht oft be-
schieden ist. Fräulein Mia war lahm. Beschwerlich humpelte sie
an einem Stock; die kleine Gestalt und das blasse Gesicht mochten
sich wohl auch in ihrer Jugend nicht durch besondere Reize aus-
gezeichnet haben, und ihre Geistesgaben hoben sie nicht über den
Durchschnitt. Freundlich und bescheiden war das alte Fräulein;


kein Zug ihres Wesens erinnerte au die vernachlässigte alte
Jungfer, doch würde das kaum genügt haben, ihr Geltung zu
verschaffen, wenn sie nicht immer freigebig gewesen wäre;
manches Gute hatten ihre Hausgenossen von ihr erfahren, und
sie versprachen sich noch viel mehr von ihr in der Zukunft. Wenn
sich Frau Johanna Hattas, die Pensionsbesitzerin, in einer ihrer
häufigen Geldverlegenheiten nicht zu helfen vermochte, mußte
Fräulein Mia sie daraus befreien. Wenn ihr Sohn Alois, ein
unbekannter Maler, sich vergeblich um Aufträge bemühte, half
sie ihm mit Geld; wenn Fannerl, das Stubenmädchen, Vorschuß
brauchte, um einen Sonntagsausflug zu machen, fand sie den
Weg zu Fräulein Mia. Das alte Fräulein war für alle der
rettende Engel. So war es denn auch selbstverständlich, daß sie
der Tochter des Hauses, Ella, die Toilette für das Künstlerfest
kaufte, zu dem ihr Bruder Alois sie eingeladen hatte. Es war
ein Maskenball, aber da ein Maskenkostüm für andere Gelegen-
heiten nicht zu brauchen war, hatte Fräulein Mia eine Ball-
toilette gewählt. Der gewählte Ausputz wirkte hübsch und konnte
leicht wieder abgenommen werden. Wenn das junge Mädchen
sich eine kleine Halbmaske anlegte, war ihre Erscheinung dem
Feste genugsam angepaßt.
Fräulein Mia betrachtete das liebliche Geschöpf; der duftige
Stoff schmiegte sich leicht den zarten Linien der Gestalt an.

Aus der Zeit der alten Postkutsche.


^4. tS'U.
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