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sest25Zlluskrierte5amilienMtung - iS2i

Die Wohltäterin.
Roman von M. Ko^zak.
(Fortsetzung.)
lla suchte das Atelier ihres Bruders auf. Da sie Alois dort
nicht fand, setzte sie sich auf einen alten Sessel und be-
schloß, auf ihn zu warten. Sie betrachtete die Bilder
ihres Bruders, die bis in Einzelheiten stets an irgendwelche Vor-
bilder erinnerten. Es gab keine Manier, in der er sich nicht ver-
sucht hätte; jedem Wechsel in der Mode suchte er zu folgen. Es
machte den Eindruck, als wären diese Malermen und Zeichnungen
nicht von einem einzelnen Menschen gemacht worden, sondern
kunterbunt aus einem Trödelladen hier zusammengestapelt.
„Betrug! Komödie, wie alles bei uns!" dachte Ella gering-
schätzig. „Vielleicht tut er am besten, eine reiche Frau zu heiraten.
Wie er sich hier mit diesen angeblichen Kunstwerken als Lügner
zeigt, so wird er sich in der Phantasie die derbe Frida Eusebius
in eine begehrenswerte Schönheit umwandeln. Wohl ihm!"
Gelangweilt griff sie nach einer der umherliegenden Mappen.
Abermals Betrug und Blendwerk. Was wie eine Skizzenmappe


aussah, waren zwei mit Lederpapier beklebte Pappdeckel, in
denen altes Zeitungspapier lag. Eine Skizze von des Bruders
Hand fand sich dazwischen — ein Männerkopf mit schmalem
sympathischem Gesicht und schlicht gescheiteltem Haar — Hans
Wellmer.
Nachdenklich sah das Mädchen auf das Bild. „Der Mann
liebt Sie, und auch Ihnen ist er einmal nicht gleichgültig gewesen,"
hatte der Japaner gesagt.
Vor vier Jahren hatte Hans Wellmer, der damals mit Alois
befreundet gewesen, viel in ihrem Hause verkehrt, aber dann
hatte sich in der Mutter die Angst geregt, daß sich zwischen ihrer
Tochter und dem blutarmen jungen Zeichner engere Bande
knüpfen könnten, und die Beziehungen waren abgebrochen worden.
Alois hatte den Freund kampflos geopfert. Ella hatte zwar
ein paar Tage geweint, aber dann doch auch eingesehen, daß
es so besser war. Wenn man einem Mädchen von Kindheit an
fortwährend erzählt, wie schön es ist, und daß in dieser Schönheit
sein ganzer Besitz ist, so wird es, was man so nennt, verständig.
Sie war sich damals zwar gar nicht bewußt geworden, daß sie
Hans liebe, aber daß er ihr gefiel, hatte die Mutter doch bemerkt,
und darum gebot die Vorsicht, ihn ihr aus den Augen zu bringen.

Photographie im Verlag von Zranz Hansftaengtz München.
Sehnsucht. Zlach einem Gemälde von E. Hausmann,
25. 19-U.
 
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