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Nachrichten und Notizen.
„Fragen der Geschichtswissenschaft“ behandelt Paul Barth
in zwei Heften der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie
(1899 S. 323 ff., 1890 S. 69 ff.). Der erste der beiden Aufsätze sucht in
Anknüpfung an Belows Ausführungen in der Hist. Zeitschr. (Bd. 81, S, 193 ff.)
und an Lamprechts Kritik derselben (1899) den Unterschied zwischen „dar-
stellender“ und „begrifflicher“ Geschichte zu präcisieren. „Wenn es sich
um Darstellung geschichtlicher Ereignisse, die doch schliesslich nur mensch-
liche Thaten sind, handelt, wird man sich mit einer ähnlichen Darstellung
begnügen müssen, wie die Kunst: mit einer Wiedergabe des Einzelnen, in
der die Kausalkette oft abbricht oder nur nach unsicheren Analogieen
fortgeführt wird, die ferner mit allgemeinen Begriffen an ihren Gegenstand
herantritt, aber die besonderen Züge desselben der Anschaulichkeit wegen
sorgfältig verzeichnet, ohne dass sie nötig hat, bei jedem dieser Züge das
Warum seines Erscheinens zu erklären.“ Diese Art von Geschichte will
der Vf. als die „darstellende“ bezeichnen; sie hat ihre Vorzüge und ist un-
entbehrlich Aber „für das Denken“ ist sie „immer und ewig ungenügend“.
„Wer denkt, will im Wechsel das Beständige sehen, den ,ruhenden Pol in
der Erscheinungen Flucht1, also das den Erscheinungen Gemeinsame, die
allgemeinen Wahrheiten.“ Solche allgemeine Wahrheiten lassen sich nun
im Gebiete der gleichförmigen, massenhaften Lebensäusserungen in der
Geschichte der Völker zunächst durch inductives Verfahren auffinden und
in der Form von „empirischen Gesetzen“, von thatsächlich beobachteten
Gleichförmigkeiten social-historischer Vorgänge, feststellen. Diesen Gleich-
förmigkeiten aber liegen constante Ursachen psychologischer Natur zu
Grunde; es ist möglich, durch ihre Erkenntnis die „empirischen“ Gesetze
in „causale“ zu verwandeln. Das ist „begriffliche Geschichte“; der Vf.
identificiert sie mit dem, was Lamprecht im Auge habe. Er meint dabei
wohl nur Lamprecht den Theoretiker; Lamprecht der Praktiker sucht doch
nicht bloss Gesetze, sondern verfährt auch darstellend. Und ich möchte
überhaupt meinen, dass diese prinzipielle Unterscheidung zweier Arten von
„Geschichte“ eine blosse theoretische Grille ist; in der Praxis wird es da-
rauf ankommen, dass der „darstellende“ Historiker mit einem Tropfen „be-
grifflichen“ Oeles gesalbt wird — es braucht ja nicht gerade aus der
Ampulla Lamprechts zu sein. Das vom Vf. empfohlene Studium der
Psychologie wird dem Historiker gewiss nichts schaden, wenn er darin
wohl auch schwerlich den Stein der Weisen finden wird, der ihm die
Rätsel der Wissenschaft lösen hilft. Aber es kann ihn, wie das Studium
 
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