Wagner, Heinrich
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Büdingen — Darmstadt, 1890

Page: 76
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdgh_buedingen/0089
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
76

KREIS BÜDINGEN

Jahre begann der nunmehrige Eigentümer, wie die Jahreszahl 1590 über der Thüre des unter dem
Saal gelegenen Zimmers bekundet, die schon beschriebenen Veränderungen im Innern des Hauses.
Noch 1657 war es Eigentum der Erben des 1629 verstorbenen Martin Bentz, *) kam aber später
wieder in den Besitz der Grafen von Ysenburg und hat seitdem nacheinander den anfangs genannten
Zwecken gedient.**)

Allgemeines OBERHOF. Im höchsten Teile der Stadt, nächst der ehemaligen Ober-

pforte, liegt der Oberhof (Plan bei S. 40), der ein schlossartiges Haus (2), die jetzige
Forstmeister-Wohnung, mit mehreren Nebengebäuden umfasst. Ein Bild desselben
ist in Fig. 38 dargestellt.
Erbauung Uber die Erbauung des Hauses gibt die Inschrift einer steinernen Tafel an

der nordöstlichen Ecke desselben folgenden Aufschluss :

Fraw Barbaren Sein Gemahl Dis Werk

Bestellt Graf Georg Von Ysenberg

Chvnrat Leonhart Den Baw Avffvrt

Jm Jar Nach Vnsers Herrn Gebvrt

Tavsent Fvnffhvndert Sectzig Nevn

Graf Georg Legt Selbst Den Ersten Steyn

Aprilis Am Sechtzehendte Tag

Dann Nichts Dann Nvr Der Grvndt Hie Lag.

Die von zierlichem Schnörkelwerk umrahmte Tafel hängt an einem Löwenkopf;
zu beiden Seiten desselben sieht man die Wappen der Erbauer und darüber Schrift-
rollen mit ihren Namen:

Barbara Von Ysenbvrg

Georg Von Ysenbvrg
Graf Zv Bvdingen

Fraw • Zv • Bvdingen
Geborne Grefin • Zv Wertheim.

Graf Georg Hess den Oberhof, wahrscheinlich vom Erbteil seiner Gemahlin, 1569 und 1570
herstellen. ***) Die Baukosten betrugen nach dem sorgfältig geführten Rechnungsregisterf) 1352 Gulden
4 Schilling 7 Heller, ausser den beträchtlichen Naturalvergütungen an Korn, Hafer und Wein.
Der in obiger Inschrift genannle Chunrat Leonhart war der Meister des Bauwerkes; er heisst in
dem Kostenverzeichnis kurzweg »Meyster Conradt der Steinmetz« an den indes auch die Maurer-
arbeit verdingt und von dem vermutlich der ganze Bau entworfen war. Er verwendete, laut Ausweis
der Schmiede-Arbeiten, viel Klammern nebst Blei zum Eingiessen derselben in die Quader, ferner
»Eysern Bandt, die oben in der Aufzladung in den Baw khomen«. Ausser Meister Conrad sei von
den vielen in den Zetteln namentlich aufgefiihrien Handwerkern der darin mehrfach genannte
»M. Wilhelm der Mahler, so die giebell gemahlet«, erwähnt.

Äussere Das Herrenhaus hat die wirksamen, aber massvoll gehaltenen Formen der

lmg Renaissance; gotische Anklänge sind noch an Simsen, Brüstungen u. s. w. bemerklich.
Hohe Giebel krönen die Strassenseite und Rückseite; der Langseite ist ein grosser
Erker und ein Treppenbau mit Wendelstiege vorgelegt. Zu letzterer führt eine
rundbogige Thüre, deren Schnitzwerk die Zahl 157 1 enthält, ff) Den Haupteingang
an der Langseite bildet eine Rundbogenöffnung, die von profilierten Gewänden und

*) Sein Grabstein in der Totenkirche zu Grossendorf ist S. 38 beschrieben.
**) Ausführlichere, aus den Urkunden geschöpfte Mitteilungen des Verfassers über die Schicksale des Hauses
in: Sechster Jahresbericht des Oberhessischen Vereins für Localgeschichte S. 49, ff.
***) Simon, Gesch. d. reichsst. Hauses Y. u. B. II. S. 263.
t) Im Gesamt-Archiv zu Büdingen. Rubr. Bauwesen.

tt) Abbildung der Thüre von Mittelsdorf in: Deutsche Renaissance, Abth. LYII. Bl. 40.
loading ...