Wagner, Heinrich
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Büdingen — Darmstadt, 1890

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ORTENBERG' 245

versehen. Aus dem Hintergrund rechts von Maria schaut ein bärtiges Männer-
antlitz, vermutlich das des Stifters des Altarbildes, hervor.

In dem ersten Flügelbild kniet die Jungfrau vor dem von einer Flammen-
glorie umgebenen Christuskinde, dessen Geburt im Stalle von Gruppen musizierender
Engel gefeiert wird. Joseph im Reisekleid, Kästchen und Stock in den Händen,
steht hinter der Mutter Gottes. Im andern Flügelbild bringen die drei Könige dem
Heiland, der auf dem Schosse der Mutter sitzt, ihre von Dienern überreichte
Geschenke dar, während Joseph unten im Vordergrund die Breipfanne übers
Feuer hält.

Auf den drei Bildern tragen alle Heiligen goldene Obergewänder und Heiligen-
scheine, in welche ihre Namen eingeschrieben sind. Nur in den Flügelbildern
sind die Kleider und Geräte der Königspagen bunt gefärbt. Bei den meisten
Gestalten ist die Haltung schön bewegt, der Gesichtsausdruck edel, Arme und
Hände sind fein, die Körperverhältnisse etwas verkürzt. Der Faltenwurf erscheint
fliessend, die ganze Zeichnung in festen Umrissen und in den Gewändern schraffiert.
Der Himmel ist durch einen Goldgrund ersetzt, der dem landschaftlichen Hinter-
grund und Beiwerk wenig Raum vergönnt. Die eigenartige Malerei kann nach
den darin dargestellten Trachten und anderen Merkmalen ungefähr ins erste Viertel
des 15. Jahrhunderts gesetzt werden und scheint von einem mittelrheinischen
Meister herzurühren.

Dieses Gemälde schmückte offenbar den Hochaltar der Pfarrkirche zu Orten- Hochaltar
berg, die nach den Urkunden von 1324 und 1385 der Jungfrau Maria geweiht seitenaitä«
war. Die Seitenaltäre, welche S. 236 genannt sind, heissen sonst kurzweg der
h. Kreuzaltar und der h. Margaretenaltar.

NICHT MEHR VORHANDENE GOTTESHÄUSER. Ausser der Pfarr- Katharinen,
kirche zu Ortenberg bestand daselbst anfangs des 14. Jahrhunderts die S. Katharinen- s6Mosskapei
kapelle,*) welche urkundlich 133 1, ausser-
dem aber nirgends genannt ist. Die
Schlosskapelle wird in den Teilungsver-
trägen seit 1358 stets, verzeichnet. Von
einer dieser beiden Kapellen, die indes
möglicherweise ein und derselbe Bau
waren, rührt ohne Zweifel das aus Stein
gemeisselte Bogenfeld, Fig. 126, her,
dessen Ornamentik Ähnlichkeit mit der
des alten Kapellenportals im Schlosse zu
Büdingen hat und in die spätromanische
Zeit um 1200 zu setzen ist.

Der Stein war als unterster Tritt der Treppe, die von der Ringmauer am Garten der
gräflichen Oberförsterei zum Grasboden herunterführt, verwendet, als er 1885 vom Verfasser wahr-
genommen und zum Zweck der Aufnahme herausgeschafft wurde. Seitdem ist er wieder dort
eingemauert.

Fig. 126. Ortenberg.
Thürbogenfeld einer romanischen Kapelle.

*) Simon, a. a. O. II, S. 50 u. III S. in, No. 112a
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