Wagner, Heinrich
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Büdingen — Darmstadt, 1890

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KREIS BÜDINGEN

In einer Beschreibung von »Schloss und Haus Ronneburg«,*) aus der Zeit anfangs des
dreissigjäbrigen Krieges, sind unter vielen anderen Räumen und Gelassen der Vorburg verzeichnet
»der Folterturm«, das Gefängnis »die Wildsaw«, die Burggrafenstube und Kammer, eine Küche,
daran die Schmitte, sodann ausser kleineren Ställen für Vieh und Pferde »zween Reiseställe zu
30 Pferden« (um 1570**) Marstall genannt). Das Bandhaus, »darin auch 20 Pferde stehen können«,
ferner mehrere Küchen und Keller, Backhaus und ein Turm daran, Schlachthaus, Waschhaus u. dergl.

Der in Fig. 136^sichtbare obere Thorbaii, 2, bildete ein Vorwerk des eigent-
lichen Schlosses. Über der Spitzbogenöffnung ist das Baujahr 1527 angegeben.
Die in eisernen Pfannen drehbaren Thorflügel (gleich denen der äusseren Pforte, 1)
schlagen nach innen. Der Weg führt weiter zur Schlosspforte, 3, die einst durch

eine Zugbrücke mit dem Vorwerk verbunden war. In
dem rechteckig vertieften Steingrund um die Öffnung
sind die Zugvorrichtungen der Brücke teilweise erhalten,
und über dem Spitzbogen bemerkt man die Wappen
Ysenburg's und Rieneck's, der Eltern des Grafen Anton,
der 1523 hiermit die Erweiterungsbauten der mittel-
alterlichen Ronneburg begann. Der Eingang wurde von
einem an der linken Ecke vorspringenden Türmchen mit
sinnreich eingerichtetem Pförtnerstübchen (Fig. 141) über-
wacht und verteidigt. Rechts gelangt man über ausge-
kragte Steinplatten und Treppen zum Wehrgang der Mauer,
welche diesen Pfortenbau mit dem Rundturm 20 der Vor-
burg verbindet, und über einem spitzbogigen Ausfalls-
thürchen das Datum 1540 zeigt.

Unter der Thorhalle 3 führt links ein Thürchen
von 152g zu einem angebauten Vorraum des Turm-
stübchens; rechts liegt das Brunnenhaus, welches im
wesentlichen noch die alte Einrichtung enthält. In dem
Stockwerk darüber war »jtzo (um 1570) das Frauen
Zimmer«. Hinter diesem Gebäude liegt ein kleiner
äusserer Hof, von dessen Fahrweg man zur höher gelegenen Ebenung einige Treppen-
stufen emporsteigt, um mittels der Wendeltreppe nächst dem Brunnenhaus zu den
hölzernen Galerien zu gelangen, die (wie im Grundriss, Fig. 138, angegeben) an
zwei Seiten des Hofes in sämtlichen Stockwerken tingebracht und mit dem Wehr-
gang der südlichen Aussenmauer verbunden waren. An der Rückseite des Brunnen-
hauses sind Spuren einer Freitreppe, die zu dem oberen Fachwerksstock geführt
zu haben scheint, erkennbar. Die Thorhalle 4 verbindet diesen äusseren Plof
mit dem inneren Haupthof. Sie ist, nach Ausweis der über dem Thorbogen des
inneren Hofes eingehauenen Jahreszahl, 1541 erbaut. Den darüber sich erstrecken-
den schönen Saal, und die beiden Steinerker daran, sowie den zugehörigen Treppen-
bau, liessen 1570/71 Graf Heinrich und seine erste Gemahlin, Maria von Roppoltstein,
herstellen, worauf er 1573 mit seiner zweiten Gattin, Elisabeth von Gleichen,
den ganzen nördlichen Flügel mit den Erkerzimmern 11, 12, 13, den Gemächern

*) Dorf buch d. Grafsch. Ysenburg von 1619, 1628/30 im Grossh. Haus- u. Staats-Arch. zu Darmstadt S. 451 ff.
**) Verzeichnis der damaligen »von Neuem auf Ronburgk erbaueten Gebeuen« im Gesamt-Arch. zu Büdingen.

Fig. 142. Ronneburg.
Wendeltreppe
des Schlossturms.
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