Wörner, Ernst
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Rheinhessen: Kreis Worms — Darmstadt, 1887

Seite: 141
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WORMS

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Der Ursprung von Worms verliert sich in die keltische Zeit, und keltisch
ist sein ältester Name: Borbetomagus. Bei »Borbeto« haben wir an einen
keltischen Stamm zu denken, die Borbeten, »magus« ist keltisch = Gemach, Haus.
Aus diesem Namen entstand der Namen Worms, aber zunächst nahm die Stadt
noch einen anderen Namen an: Vangiones von dem germanischen Stamm der
Vangionen, welche im ersten Jahrhundert vor Christus, zu Caesars Zeit den Rhein
überschritten und diese Landschaft besetzten. Sie lebten hier als Freunde der
Römer und bald als römische Unterthanen. Worms wurde ihr Voiort, dem im
4. und 5. Jahrhundert auch ihr Namen beigelegt war. Ptolemäus nennt die Stadt
noch BoQjhjTOf.iayog (2 , 9); Borgetomagus heisst sie in der Peutinger'schen
Strassenkarte (das erste g ist Schreibfehler), borbitomago im Itinerarium Antonini
aus dem 3. Jahrhundert und in der Inschrift von Tongern des 3. Jahrhunderts*)
bei Henzen (n. 5236). Der Vokal e muss als der ursprüngliche betrachtet werden.
Der spätere Namen Vangiones beruht auf der mehr vorkommenden gallischen
Übung, wonach der Namen des ganzen Territoriums auf den Vorort desselben
übergegangen war. Auf dem im Jahre 1885 im Süden der Stadt aufgefundenen
römischen Meilenstein, welcher nach der Inschrift aus dem Jahr 292 herrührt,
nachdem Kaiser Diokletian den Galerius zum Mitregenten und Schwiegersohn
gemacht hatte, wird die Stadt Civitas Vangionum genannt**). Eine zweite Erwähnung
der Civitas Vangionum ist auf der dem 16. Jahrhundert angehörigen Abschrift
einer Wormser Inschrift in der Bibliotheca Ambrosiana zu Mailand***).

Als Bestandteil des Römerreichs teilte Worms die Schicksale der Rheingegen-
den zur römischen Zeit. Es war ein blühender Ort, durch den dreizehn Strassen-
züge giengen. Ausgrabungen auf dem Terrain der Lederfabrik der Firma Dörr
und Reinhart haben im Jahr 1884 auf 360 Meter eine römische Strasse blosgelegt,
die in der Richtung der Mathildenstrasse zog und das von der jetzigen Stadt be-
deckte Terrain wohl auch in dieser Richtung durchschnitt. Noch legen von der
Kunstfertigkeit der Einwohner von Worms die zahlreichen Grabfunde Zeugnis ab,
die namentlich kostbare Glasgefässe und treffliche Thongeräte (Gesichtskrüge von
seltener Art) an den Tag fördern. Römische Begräbnissplätze lagen im Norden,
in der Gegend der Liebfrauenkirche, und im Süden der Stadt südlich des Gebiets
des Klosters Mariamünster, welches jetzt die Heyl'schen Fabrikanlagen bedecken.
Bei ihnen und an vielen anderen Orten der Stadt wurden zum Teil schon frühe
römische Votivsteine, Sarkophage und Grabsteine mit Inschriften aufgefunden. Von
kultureller Wichtigkeit sind insbesondere die auf dem Terrain der Firma Dörr und
Reinhart gefundenen römischen Matronenfigürchen f). Auch der in Wiesoppenheim
zu Tage gekommene, den Parzen gewidmete Altar (S. 139) darf als für die römische
Vergangenheit von Worms wichtig hier angezogen werden. Die Darstellung der Parzen
beweist das Fortdauern der einheimischen, sei es gallischen, sei es vangionisch-germa-
nischen Kultus der Schicksalsgöttinnen , welchen Kultus noch Bischof Burkard zu
--^*'- *

*) Zangemeister im Korr. Bl. des Ges. Ver. 1883, S. 1 u. 2.
**) Worms. Z. v. 1885 Nr. 171 u. 172, Westd. Zeitschr. Korr. P,l. 1885 Nr. 8 u. 9, Quartalbl. des hist.
Vereins 1885, Nr. 3, S. 54.

***) Zangemeister, Bonn. Jahrbb. Bd. 76, S. 326. Weckerling, Rom. Abt. des Paulusmuseums, S. 10 f. 86 f.
f) Weckerling a. a. O. S. 45 f.
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