Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Der Landsitz Berlepsch.

Ausnahmen von dieser Regel zu finden, wenn nicht gerade auf
der Ludwigshöhe? Für die Schöpfer dieser Anlagen scheinen bei
der „Terrainausnutzung" die künstlerischen Rücksichten niemals maß-
gebend zu sein.

v. Berlepsch hat in dieser Gde doch noch einen Platz gesunden,
der ihn von der perde der übrigen Pauschen und Villen isoliert
und es gestattet, das paus mit dem Waldhintergrund und der
stillen, ernsten Schlichtheit der Landschaft in Einklang zu bringen.

Als ob es dort gewachsen wäre, erhebt sich der stattliche und doch
ländliche Bau aus dem Boden, gleichsam an den feierlichen, dunkeln
Fichtenwald freundschaftlich sich anschmiegend. Es ist ein wirk-
licher Landsitz, kein Stadthaus, das in die grünen Wiesen mit jener
Logik verpflanzt wäre, mit der sich ein eleganter „Stadtfrack" unter
die Gebirgler mischt, um zur Natur zurückzukehren und wieder
Mensch zu werden. In Deutschland existiert einstweilen noch kein
Typus für das Landhaus, wie in Belgien und polland, von Eng-
land ganz zu schweigen. Ein Typus, d. h. eine Form des pauses,
die sich aus bestimmten, einheitlichen Bedürfnissen, aus der Natur
des Landes und der Kultur seiner Gesellschaft entwickelt, ist
durchaus keine bindende Form, die zur Monotonie führen muß.

Sie gewährt die größte Freiheit jeder Individualität, gerade so wie
die hochausgebildete Umgangsform den ausgeprägten Charakter
und die starke Eigenart in um so helleres Licht fetzt, obgleich die
konventionelle Sitte als ein Gesetz respektiert wird. Die bunte Viel- 9- Landsitz Berlepsch. Fenstervergitterung in
gestaltigkeit unserer deutschen Villenkolonien ist nur der Ausdruck Schmiedeeisen, ausgeführt von Kiefer 6c Lo.,
einer vollkommen heterogenen Gesellschaftsbildung. Der kleine München. (lln b. w. Gr.)

Bauherr, der sich draußen „am Land" fei» Tuskulum errichtet,

ist in seinen Lebensgewohnheiten und Ansprüchen
an Komfort, Geselligkeit und pygiene noch so un-
klar, daß er sich ebenso bereitwillig in ein bäuer-
liches Gebirgshaus mit engen Fenstern und langen
Gallerten, wie in ein italienisches Villino mit
hohen luftigen Räumen, Pergola, hängenden Gärten
und anderen südländischen Einrichtungen hineinpaßt
oder vielmehr vom Architekten hineinsperren läßt.
Die „Form" im weitesten Sinne des Wortes ist noch
nicht auf seinen Leib geschrieben; er fügt sich ihr
und merkt kaum, wo sie ihn drückt und zwängt.
Insofern ist es eine vorbildliche Thal, ei» „Doku-
ment", wenn unsere Künstler mit der Ausstellung
eines „Typus" vorangehen.

Freilich ist dazu eine gewisse Logik nötig. Wenn
die stolze Phraseologie der städtischen pau sassaden
bei einem Landhaus wegbleibt, so ist lioch nicht
genug geschehen. Das Klima des Landes und der
Zusammenklang der Pausarchitektur mit der Archi-
tektur der Landschaft sind wichtige Momente bei dem
Entwürfe.

Pier im Berlepschhause ist wohl alles so durch-
gebildet, daß es als eine Norm für viele Fälle an-
gesehen werden kann. Das paus hat in seinem
Äußeren nichts von der städtischen Langeweile; eine
eigenwillige Mannigfaltigkeit der Vor- und Einbauten

8. Landsitz Berlepsch. Fenstervergitterung in Schmiedeeisen,
ansgeführt von Kiefer 6c Lo., München. (Vis d. w. Gr.)
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