Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Villa Tobler in Zürich.

liche und halbwüchsige Wesen unserer modernsten
Farbenlyriker bald überwinden wird. Vieles von
der Raumpoesie und dem Möbelindividualismus der
Jugend widerspricht dem männlichen Ernst, und die
spinnedünnen Stuhlbeine und gedankenblassen Farben-
skalen können wohl nur Backfischschwärmerei berücken.

Für den Gesamtton des Zimmers ist es gewiß
von Bedeutung, daß die malerisch höchst energischen
Bilder von Viktor Müller und Stäbli, die als Sopra-
porten in die Wandfläche eingelassen sind, so har-
monisch zur Geltung kommen, als wären sie für
diesen Platz gemalt worden.

Ein Gedanke, der in der Bemalung und Deko-
ration des ganzen paufes als Prinzip befolgt wor-
den ist, fei noch hervorgehoben: in keinem Zimmer
findet sich eine Aonfole, ein Gesims, Pilaster oder
Säule - kurz nichts, was an die Fassadenarchitektur
irgend eines historischen Stiles erinnerte. Man hat
aufgehört, die Stützen und Träger an den Wänden
und Decken mit rein
architektonischen For-
men zu symbolisieren,
die Wand ist ein Rah-
men und der Wand-
schmuck eine Füllung.

Von unten nach oben
aufsteigend, entwickelt
sich aus dem einfar-
bigen Ton der Wand
ein Blumenornament,
das als Fries unter der
Decke hinläuft oder an
der flachen Aehle als
Rankenwerk hinauf-
klettert, um im Plafond
zu endigen. Es ist
selbstverständlich, daß
das fortlaufende Ta-
petenmuster hier nicht
zur Verwendung kom-
men konnte, da es nie-
mals logisch ausklingt,
sondern je nach Be-
dürfnis mit der Schere
abgeschnitten wird. Und
alle Motive für diese ent-
zückenden Ornamente,

Friese, Aanten und
Wandflächen sind dem
unmittelbaren Studium
der Natur selbst ent-
nonnnen. Oft klingen
Formen und Farben

an Blüten und Ranken an, die wir eben erst draußen
in der Landschaft gesehen haben, so daß auch die
künstlerische Erfindung dies freundliche Landhaus
durch hunderterlei Dinge mit dem ernsten Wald, der
lachenden Wiese und der überall schaffenden Natur,
die es freundlich umfängt und in Schutz genommen,
gedankenvoll verbindet.

Erläuterungen zu Berlepschs Fnnen-
Ausschmückung der Villa Tobler in Zürich.

• — r - - • Wesentlich anders als bei Berlepschs
eigenem peim war der Fall gelagert bei der inneren
Ausschmückung der „Villa Tobler in Zürich". Pier
fand der Aünstler einen fertigen Rohbau vor, mithin
war ihni die Möglichkeit nicht gegeben, über die
hauptsächliche Gestalt der Räume zu disponieren oder
sie in ein gewisses Gegenseitigkeits-Verhältnis zu

bringen. Zudem war
überall mit einer nicht
allzu reichlich bemes-
senen Stockwerkshöhe
zu rechnen. Fenster und
Thüren existierten, als
Öffnungen wenigstens,
und sind im großen
und ganzen auf Achsen
orientiert. Es nmßte
also mit lauter gege-
benen Verhältnissen ge-
rechnet werden. Das
erste war, daß ver-
schiedene sehr große
Räume durch mächtige
Nischenbogen, durch
breite Gurtbogen oder
eingezogene Flachton-
nen eine gewisse räum-
liche Gliederung erhiel-
ten. Das außerordent-
lich große Speise-
zimmer z. B. wurde
in feiner Gestalt völlig
verändert dadurch, daß
vor die Fensterpfeiler
Marmorsäulen gestellt
wurden, wodurch tiefe
Fensternischen entstan-
den. Der Raum wurde
weiter durch einen
mächtigen Gurtbogen
in zwei ungleich große

29. Villa Tobler. Partie aus der Bibliothek, Holzarbeit von
Aschbacher & Lo., Stucco von Martin & Lo., Zürich.
Heizkörper - Verkleidung in Eisen und getriebenem Kupfer von
a) Kiefer & Lo., b) Winhart & Lo., München.

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