Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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facsimile
528. Schilder beim Eingang in die deutsche Abteilung, in den Bogen der Korridore aufgehängt; entworfen von
k). E. v. Berlepsch, ausgefiihrt von Keiner (Intarsia) und Mich. Kiefer & (£o. (Beschläge), München.

(Die I. internationale Ausstellung
für moderne dekorative Aunst in
Turin 1902. (Von D. (Amelin.

(Schluß.)

eniger übersichtlich und einheitlich
als die Zimmereinrichtungen prä-
sentieren sich die einzelnen Fach-
gruppen innerhalb des Aus-
stellungsbildes ; Keramiken und
Stickereien, Zinngerät und Bronzen
fanden ihren Platz eben häufig in den zu ihnen
passenden Gemächern, und so konnte es nicht aus-
bleiben, daß z. B. die deutschen Fachgruppen -
ausgenommen die dem Buchgewerbe nahestehenden —
infolge der zerstreuten Aufstellung nicht den Eindruck
nrachen, den sie unter aitderen Umständen machen
könnten.

Selten bot sich Gelegenheit, in der Ausstattung
eines Gemaches an Stelle des polzes irgend einem
anderen vielseitigen Material die Herrschaft einzu-
räumen; am ersten noch im Bereich der Keramik.
Der keramische Saal von Villeroy & Boch, Dresden
(von Architekt ZIT. ‘Kreis unter Mithilfe von Bild-
hauer Groß) ist eines der Beispiele dafür, in welch
bedeutsamer Weise mit den Mitteln der Keramik
monumentale Wirkungen zu erzielen sind; andere
finden sich bei italienischen Ausstellern.

Die deutsche Kunst-Keramik hat alle Ursache,
auf die in den: letzten Zahrzehnt gemachten Fort-
schritte stolz zu sein; zu den schon bekannteren Namen
Max Länger, Schmuz-Baudiß und v. peider
gesellen sich auf der Ausstellung neue Leute, wie
Gebr. Mein hold, Schweinsburg bei Trimmit-

schau i. S., K. Randhahn, Bunzlau (mit Arbeiten
der Berliner Plastiker Gaul, Lewin-Funke,
E. Stork) und Karl Maxim. Würtenberger,
Konstanz. Die von letzterem gebrachten, überaus
charaktervollen Büsten, Statuetten, Reliefs stehen zwar
in Material und Glasur mit unseren alten Kachel-
öfen auf einer Stufe; sie teilen mit diesen aber auch
— bei aller modernen Auffassung und künstlerischen
Darstellung — den Borzug restloser Erfüllung der
Forderungen von Material und Technik.

Einen gewissen Gegensatz hierzu bilden jene
Arbeiten, deren künstlerischer Reiz fast ausschließlich
in der farbigen Behandlung ihrer Oberfläche beruht:
bei den Kerainiken von 3* Z. Scharvogel,
München, und p. Mutz, Altona, in den bunten,
streifigen Glasuren, - bei denen von Th. E Ich in g er,
Sufflenheim, von der sächsischen Porzellanfabrik von
Thiem in Potschappel, von Billeroy & Boch,
Dresden, in den lüstrierten und Kristallglasuren. Zn
letzterer Beziehung kann nran mit Befriedigung fest-
stellen, daß die deutsche Keramik sich von der bei
Ungarn, Franzosen und Ztalienern oft übertriebenen
Anwendung dieser bestechenden Effektmittel fernhält.

Die großen Porzellanmanufakturen haben sich
ziemlich zurückgehalten; es sieht beinahe fo aus, als
gingen sie nur zögernd und mit Widerstreben daran,
dem Drängen der Gegenwart nachzugeben. Die
Nymphen bürg er Fabrik bekennt sich — trotzdem
sie auch ein paar alte Figurengruppen ausgestellt
hat — vielleicht am entschiedensten zu den neuen
Dekorationsideen; die Berliner Manufaktur
lieferte in ihrer Vitrine immerhin den Beweis, daß
sie technisch ganz auf der pähe steht, während das
aus Meißen stammende Speifegefchirr, das eine
gedeckte Tafel ziert, als ein erfreuliches Kennzeichen
rüstigen Fortschreitens angesehen werden darf.


Lullst und Handwerk. 52. Zahlg. Heft \2.

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