Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Malter Brtlieb.

209. Glasvase in Metallfassung.

Entwurf von Walter Brtlieb, Berlin.

(Vz der wirkl. Gr.)

Der Versuch glückte vortrefflich, beinahe särntliche
Blätter, namentlich die der drei Obengenannten, sind
künstlerisch hervorragend und gerade durch die Technik
von einer außerordentlichen Frische und seltenen Un-
mittelbarkeit der Wirkung. Voll und ganz bewahr-
heitet sich an der „Arche Noah" die Bedingung, die
an ein gutes Bilderbuch zu stellen ist, daß auch der
Erwachsene noch einen künstlerischen Genuß an ihm
empfinden soll. Ulan muß gestehen, daß die Technik
der Originallithographie hierzu wesentlich beiträgt,
denn sie übermittelt uns unverfälscht wahrheitsgetreu
die lhand des Künstlers in der Linie und in den
farbigen Effekten und es dürfte keinem Zweifel
unterliegen, daß die Griginallithographie in Kürze
sich als die Bilderbuchtechnik pur excellence beweist.

Einen Zug haben die sämtlich hier erwähnten
Bücher gemeinsam, nämlich den, daß ihre Schöpfer
nicht Anleihen bei dem künstlerischen Vermögen des
Auslandes machten, sondern sich auf ihre eigenen
Füße stellten und uns deutsche Kunst gaben. Die
verschiedenen Anläufe zur Hebung der künstlerischen

Faktoren auf dem in Frage stehenden Gebiete sind
geglückt; wenn auch hin und wieder noch ein gewisses
Schwanken und Tasten zu verspüren ist, so ändert
das nichts an der Thatsache, daß wir dem erstrebten
Ziele bedeutend näher gekommen sind.

Den erzieherischen Wert der Kunst wird niemand
verkennen; sollen wir die Kunst dem Kinde vor-
enthalten, weil es noch nicht jede Schönheit zu
ergründen und empfinden vermag? Das wäre ein
böser Fehlgriff, den man endlich auch bei uns
erkannte. Warum sollen wir den Kindern schlechte
oder doch geringe Bilder in die pand geben, wenn
wir ihnen gute bieten können?! Wan soll ja nicht
dem Kinde Kunst docieren, es soll nur sein Auge
an Schönes gewöhnt werden. Die Absichten der
künstlerischen Erziehung der Zugend gehen auch nicht
dahin, noch mehr Künstler zu erzeugen, sondern sie
streben vielmehr an, das Glück und den Lebensgenuß
des Wenschen zu erhöhen und seiner Seele für alle
Wechselfälle des Lebens eine Stütze, einen Trost zu
bieten durch die Wöglichkeit dem Flügelschlag des künst-
lerischen Genius lauschen und seine hehren Schöpfungen
verstehen, empfinden und genießen zu können.

(Bes Uunsihan-werßs )unze
Mannschaft.

?. IDakter Ortkiek.

NN man die kunstgewerblichen Zeit-
schriften nach Entwürfen durchblättert,
so wird man finden, daß die weitaus
überwiegende Wenge der Entwürfe
solche Künstler zu Urhebern hat, die
nicht aus der Praxis des Handwerks hervorgegangen
sind. Das erklärt sich aus zwei Gründen. Dem Praktiker
steht meist nicht die sichere Zeichenhand zur Verfügung;
er begnügt sich mit Zdeenskizzen, die er dann alsbald
im Wodell oder gleich fertig ausführt. Und darum
wird er — wenn er entwirft — in der Regel nur
für feine eigenen Bedürfnisse entwerfen, den Entwurf
also nicht der Öffentlichkeit preisgeben. Anderseits
sind die Nichtpraktiker eben auf das Veröffentlichen
ihrer Entwürfe angewiesen, da dies einer der Wege
ist, sich bekannt zu machen und nach Abnehmern zu
fischen; darum häufen sich derlei Arbeiten in den
letzten Zähren in den kunstgewerblichen Zeitschriften,
und man darf es als eine erfreuliche Abwechslung
begrüßen, wenn es einmal eine Ausnahme gibt und
ein Praktiker mit Entwürfen herausrückt.

Eine solche Ausnahme boten wir schon in den
Entwürfen E. Riegels (Novemberheft, 5. q-i ff-), und

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