Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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H?7. k^aupteingaiig zur I. internationalen Ausstellung für moderne dekorative Kunst in Turin.

(Die I. internationale Ausstellung
für moderne dekorative ()<unst in
Turin 1902. (Von L. Gmekin.

Irüher machte man Ausstellungen,
uni zu zeigen, was man kann;
jetzt neigt man bei solchen Ver-
anstaltungen mehr dahin, zu
zeigen, was man will, solcherlei
Absichten waren die Triebkräfte bei
der Entstehung der verschiedenen „Becessionen", und
aus dem gleichen Drang ist auch die Darmstädter
Ausstellung hervorgegangen, die nun in der Türmer
Nachfolge gefunden hat. Allerdings war diese
Ausstellung schon geplant, noch ehe die Darmstädter
ihre Thore geöffnet hatte, aber sie darf gleichwohl
als ein Nachkomme jener angesehen werden; denn
auch sie verfolgt die gleiche Tendenz, nur die junge
dekorative Nun st zu Wort kommen und die alte bei
feite zu lassen, — eine Tendenz, die übrigens schon
— und vielleicht überhaupt zum erstenmal — bei der
kleinen kunstgewerblichen Gruppe im Münchener
Glaspalast \8ty7 zur Grundlage gemacht worden war.

Die Ausstellung zu Turin ist ganz und gar ein
Werk der jungen, wie jene zu Darmstadt, aber mit
dem großen Unterschied, daß letztere wenigstens
durchaus das Merk eines kleinen Häufleins wirklicher
Aünstler war, während in Turin sich vielfach pöbel-
hafte Nachtreterei mit den herkömmlichen Über-

treibungen breit macht — vorwiegend allerdings in
der italienischen Gruppe. Gewiß waren auch in
Darmstadt genug Fälle von Entgleisungen zu ver-
zeichnen; aber was dort geleistet wurde, war auf-
klärende Entdeckerarbeit, die als künstlerisches Ex-
periment ernste Beachtung verdiente, mag es von der
einen Seite über die Maßen verspottet, aus der
anderen Beite ebenso unnötig verhimmelt worden sein.

Ob es zweckmäßig ist, eine Ausstellung größeren
Umfanges mit so einseitigen Tendenzen ins Leben
zu rufen, darf ernstlich bezweifelt werden; die An-
strengungen sind zu groß, als daß ihnen eine noch
im Werden begriffene Kunft schon völlig gewachsen
sein könnte. Die Früchte, die zu früh vom Baum
gepflückt werden, lassen die Reife vermissen I Beit der
letzten großen Umschau an der Beine fehlte die Zeit
zu genügender Vertiefung. Die Folge solchen Vor-
gehens sind dann widernatürliche Ausschreitungen,
wie sie namentlich die italienische Abteilung bietet,
deren aufdringliche Extravaganzen durchaus ungesund
und nur geeignet sind, den Beschauer von allem
Modernen abzuschrecken. Geschäfts- und andere
Rücksichten erklären es leicht, daß das Ausstellungs-
land in Bezug auf den inneren Wert des Ausstellungs-
gutes am unvorteilhaftesten erscheint; denn für das
gesamte Ausland war dis Beschickung der Aus-
stellung überwiegend Ehrensache, für Italien Ge-
schäftssache.

Daß Italien, das auf der pariser Weltausstellung
kaum Bpuren einer modernen Bewegung gezeigt
hatte, das erst durch die Turiner Ausstellung aus

Aunst und Handwerk. 52. Iahrg. Heft JU.

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