Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Pas Fortschrittliche in der Aunsttischlerei.

(Vae LörtschriMche in der
tischkerei. (Von Dr. Herm. Lüer.

odern ist durchaus nicht immer
und in vollem Umfange gleich-
bedeutend mit „fortschrittlich". Die
Mode im gewöhnlichen Sinne ist
ein launiger Geist, der vielfach
rückschrittlicher sein möchte, wie
es überhaupt niöglich ist. Allein die Mode im
wahrsten und vornehmsten Sinne, geht unbeirrt von
allen störenden Einwirkungen einem bestimmten Ziele
zu; diese Mode ist das, was wir als Entwicklung
bezeichnen. Die Entwicklung weiter führen auf dem
Wege, dem sie feit Jahrhunderten, Jahrtausenden
folgt, das ist Fortschritt. Gb wir von einem solchen
in unserer heutigen Tischlerei zu sprechen berechtigt
sind, das ist die Frage.

Will man darüber urteilen, muß man den
Gang der Entwicklung kennen. Die die Entwicklung
der Tischlerei tragenden Elemente sind vornehmlich
einerseits technischer, anderseits ästhetischer Natur.
Wandlungen auf der ästhetischen Seite müssen tech-
nische Minderungen folgen, und umgekehrt; beide
müssen pand in pand gehen. Gelingt. es nun, die
Stufen des Fortschritts in der Tischlerei der Ver-
gangenheit festzustellen, und ist es möglich, von
Punkt zu Punkt Änderungen in ganz bestimmtem,
klar erkennbarem Sinne festzustellcn, dann inuß daraus
ohne weiteres zu schließen sein, was heute und was
in Zukunft als Fortschritt zu gelten hat und was nicht.

Die technische Entwicklung möge zuerst ins Auge
gefaßt werden. Besonders geeignet für den Vergleich
der Aonstruktionsweise der verschiedenen Zeiten ist
der Stuhl; keine andere Aufgabe stellt an den Tischler
ähnlich bestimmte Forderungen, denn kein polzgerät
kommt mit unserem Aörper in gleichartig nahe und
ausgedehnte Berührung. Der Stuhl gelte als Beispiel,
in seiner Bauweise spiegelt sich das Aonstruktions-
princip einer Zeit am deutlichsten wieder, von ihm
darf ohne weiteres im gekennzeichneten Sinne auf
die gesäurte Tischlerei geschlossen werden.

Ein Stuhl soll unter allen Umständen standfest,
dauerhaft und eigentlich vor allem auch bequem
sein; doch alle diese Begriffe haben die verschiedenen
Zeiten ganz außerordentlich wechselnd aufgesaßt.
Von den durchaus schmucklosen Möbeln kann bei
der Betrachtung abgesehen werden, sie waren zu
allen Zeiten fast gleich gebaut, zeigen zuin wenigsten
die Eigenart der wechselnden Aonstruktionsweise in
wenig ausgeprägter Fornr. prüft man aber z. B.
einen etwas reicheren Stuhl des sp oder s5. Zahr-

;sz. Bleistift-Skizze von si Wilhelm Bolz.

Hunderts, so fällt zunächst die gar zu reichlich bemessene
polzmenge uitd die zimmermannsmäßige Fügung
auf. Die geringen Aosten des Materials, die ge-
wohnheitsmäßige Verwendung in größter Stärke und
schließlich auch die Forderung höchster Solidität dürften
dabei gemeinsam eingewirkt haben.

Die Pauptkonstruktionsteile sind zumeist in ein
fachster, gerader Form gegeben, die schmückenden
Zuthaten berühren die Schlichtheit des eigentlich
haltenden Gerüstes kaum. Aber auch kaum wie zum
friedlichen Gebrauch des Menschen scheint solch ein
Stuhl gefertigt zu sein, vielmehr wie etwas, das
elementaren Gewalten zu trotzen bestimmt ist. Auch
fast nichts deutet an den gewaltigen Stühlen jener

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