Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Zur Kritik des Kunsterziehungstages in Dresden.

'Kürt ft (er auf allen Gebieten wie durch
die Kulturgeschichte aller Volker mit
nein beantwortet worden ist.

Klag die Kunst nun für alle
oder nur für die reiferen, tieferen
Sensationen zugänglichen Geister fein
— unter welcher Gruppe von „Ge-
bildeten" haben denn diejenigen Maß-
nahmen der Künstler und indirekt
der Kunstfreunde aller Arten am
meisten zu leiden, die gerade für die
künstlerische Erziehung der denkbar
weitesten Kreise am fruchtbarsten
wirken für die künstlerische Lsöhe der
Nation das glänzendste Zeugnis ab-
legen könnten? Bedarf es erst einer
Enquete, um diese Gruppe von Volks-
vertretern genau zu kennzeichnen? hat
nicht gleich die erste Diskussion des
Kongresses, die sich an Mischers mit
größtem Beifalle aufgenommene
Rede über das Echulgebäude an-
knüpfte, die große Kluft zwischen
Kunstfreunden und den officiellen
Arbeitgebern der Kunst aufgethan?

Wer anders hätte eine künstlerische
Erziehung notwendiger als die „Ge-
bildeten"? Wäre es nicht weit frucht
bringender, wenn ein anderer Kongreß
sich mit der künstlerischen Erziehung
auf unseren Nkittelschulen, insbeson-
dere unseren Gymnasien, eingehend
befaßte? Was nutzt uns denn alles,
was die besten Maler, Bildhauer,

Architekten und Kunstgewerbler herrliches, Erhebungs-
fähiges schaffen, wenn diejenigen Männer gerade,
die als Epitzen unserer Gemeinwesen, unserer Regie-
rungen ic. nur häufig genug ihr maßgebliches Urteil
iu künstlerischen Dingen abzugeben haben, ohne daß
ihr Urteil auch nur iin entferntesten kompetent, d. h.
iu diesem Falle künstlerisch einigermaßen zutreffend
genannt werden könnte?

Ist es wirklich nicht möglich, in den neun
Gymnasialjahren — von den Universitätsjahren
möge man hier nicht mehr viel Nachhilfe erwarten —
den dereinstigen inkompetenten Kompetenten etwas
gesündere Anschauungen über Kunst und Kunstgenuß
ohne alles Doktrinäre und ohne eine neue „Disziplin"
einzuflößen, als dies bisher der Fall? Ich glaube,
die Frage braucht nicht näher erörtert zu werden,
um die Notwendigkeit einer mehr künstlerischen
Kultur der thatsächlich maßgeblichen Kreise zu be-
weisen.

Lutwurf zu einem Kelch von L. Riegel, München.

Wie viel auf der Volksschule bereits vorbereitet
! werden kann, hat der Kongreß, noch mehr die Er-
innerung an eine ganze Reihe deutscher Zeichner,
Maler und Architekten, haben auch hervorragende,
vom heiligen Feuer begeisterte Theoretiker bewiesen.
Der Kunsterziehungstag bleibt von Wert und trotz
einiger, den Kunstfreund betrübender Erörterungen
von Männern der Echule oder der Verwaltung be-
deuten feine allgemeinen Anschauungen ein günstiges
Eymptom, sie sprechen das beginnende Eehnen nach
einer mehr künstlerischen Kultur unseres Volkes aus.

Nur diejenigen, die nicht am Kongresse teil
nahmen, können die Anregungen des Dresdener
Kunsterziehungstages noch weiter skeptisch beurteilen.
Echeint es doch, daß der Erfüllung der hier ge-
äußerten hauptwünsche keine Schwierigkeiten von den
Schulvertretern aus bereitet werden dürfteil. Man
scheint endlich allgemein einzusehen, daß die Kunst
der Griechen nicht das A und (D aller Kunst

Kauft und Handwerk. 52. Iahrg Heft 2.
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