Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Gedankenspäne zur neuen Bewegung.

machte. Da war eine Aüchendecke, deren untere
Horizontalfläche mit glatten Fliesen beklebt war. Wie
es bei einer Betondecke vermieden werden kann, daß
jene früher oder später herabfallen, weiß ich nicht;
jedenfalls getraute ich mich nicht in diese Rüche.

Da waren Holzdecken, die so hergestellt waren, daß
man die Fläche zunächst schön weiß geputzt hatte;
sodann hatte man darauf allerlei Rippen in Holz auf-
genagelt. Diese Rippen waren ebenfalls mehr Bohlen
und wendeten eng gestellt ihre schmale Aante nach
unten. Die beiden sich gegenüberstehenden Reihen
solcher Rippen, durch etwas flacheres Holzwerk ver-
bunden, erinnerten mich lebhaft an den Eindruck
von Etuis für Tischmesser, wo diese dutzendweise
mit der Schärfe nach oben nebeneinander liegen.
Alle diese Versuche, mit „konstruktiver Wahrheit" zu
prunken, verletzten das Auge und das Gefühl geradezu;
physisch konnte mati Gleiches erleben, wenn man
sich auf eine viel bewunderte und überall abgebil-
dete Sitztruhe niederließ; denn ihr Deckel war, ich
weiß nicht um welcher „konstruktiven Wahrheit"
willen, mit spitzen Nagelköpfen völlig gepflastert.
Gder sollte das diesmal nur aus „rein dekorativen"
Gründen gewesen sein? —

Es ist ganz unmöglich, auch nur annähernd
eine Aufzählung dessen zu geben, was überall die
elementarsten Gesetze der Vernunft beleidigte; so bei
den Fenstern, Solche, die so hoch oben anfingen, daß
man nicht hinaussehen konnte, oder welche nicht zum
Lüften zu öffnen waren; solche, die in Bauchhöhe
quer in einer Wand saßen, dreimal so breit, als
hoch; solche, die mitten in den Treppen in Aniehöhe
saßen, mit einem Laden geschlossen; öffnete man
diesen, so verletzte inan sich das Anie oder konnte
nicht vorbei, trat höchstens ins Glas; schloß man
ihn, so sah man nichts vom Fenster; diese Beispiele
für so viele andere; dazu Thüren, die eine stattliche
Nlatrone nicht passieren konnte, obwohl sie zu den
unentbehrlichsten Räumlichkeiten führten, und so fort
all intimtum.

Alles dies war ja nur gemacht, weil eben alles
auf die formale Wirkung berechnet war, auf die
Wirkung auf das Publikum, welches denn, je
weniger es mit den thatfächlichen Erfordernissen des
Bauens vertraut war, um so jubelnder alles be-
wunderte. Denn um das Bauen und Ausgestalten
handelte es sich doch am Ende.

Doch was soll ich diese rasch verwelkte Blume
noch weiter zerpflücken! Die Wirkung des ganzen
Schauspiels — „ach ein Schauspiel nur" — war doch
eine wertvolle und bedeutende. Der Ernst der Zeit
hat den Blütenstaub rascher, als zu erwarten, abge-
streift, und mit Trauer denken wir der kommenden j

— m —

246.

Baumstudie von £jetnr. Arnold, München.
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