Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Nationale ober internationale Kunst.

politischen Machtsphäre Roms, eine Art Weltstil
entsteht.

Ganz gegensätzlich zu den vorangeführten Länder-
gebieten verblieben China und Japan in starrer Ab-
geschlossenheit. Ls haben zwar auch bei diesen
Völkern irgend einmal und namentlich in frühester
Zeit von außen kotnmetide Einwirkungen stattge-
funden, sind aber bald wieder, ohne erhebliche
Spuren zu hinterlassen, verwischt, vermutlich infolge
der Abgeschlossenheit ist das bauliche Ideal, wenn
von einem solchen in China und Japan überhaupt
die Rede sein kann, auf einem sehr niedrigen Stand-
punkte geblieben: die aus dem Zeltbau hervor-
gegangenen polzkonstruktionen, sowie die hieraus ab-
geleiteten Steinkonstruktionen beherrschen das Held,
ohne sich zun: einfachen Ausdruck einer abgeklärten
Monumentalität aufschwingen zu können. An Kunst-
sinn fehlt es den ostasiatischen Völkern sonst nicht,
das beweist ihre Dekoration, die durch Naturbeobach-
tung immer neue Motive zu gewinnen wußte. -
Die neueste Richtung unserer Ärmst hat aus dem
Japanischen eine bedeutende Anregung geschöpft, in-
dem sie die vorzüglichen Eigenschaften dieses Stiles voll
gewürdigt hat, und namentlich die von ihm benutzten
Pflanzen- und Tiermotive in der Dekoration wieder

belebt hat. Bemerkenswert in der chinesischen wie
in der japanischen dekorativen Ärmst ist ein feines
Naturgefühl, speciell in der Malerei das Betonen des
Landschaftlichen, der Mangel an Linienperspektive,
das Ubertreiben der Lustperspektive, das vermeiden
der Wiedergabe von Schatten und Reflexen, dagegen
das gelegentliche pervorheben der Spiegelungen im
Wasser. In der Hlächenornamentik zeigt sich eine
Vorliebe für lange, schlankgebogene Linien, für Nach-
ahmungen zahlreicher Pflanzenmotivs, unter denen
ganze Bäume mit ihrem Ast- und Wurzelgeflecht
Vorkommen, von Tieren sind, außer dem heraldisch
stilisierten Drachen, die Vögel, sowie Sumpf- und
Wassergeschöpfe beliebt. Die kleinen Schnitzwerke
zeigen fliegende Vögel, Aiefernzweige, Blüten mit
Schmetterlingen u. a., alles in frischer Naturauffassung,
jedoch zugleich in künstlerisch stilisierter Wiedergabe.

Die im Mittelalter unter der Bezeichnung Morgen
land zusammengefaßten Länder, vorder-, Mittelasien
und Nordafrika umfassend, welche ihre charakteristi-
schen Züge durch Eroberungen auf einen Teil der
europäischen Länder, speciell auf Spanien und Sizilien
übertrugen, zeigen zwar ein wechselndes Stilbild, in
dem sich hellenistische, römische, altchristlich-byzantinische
Einflüsse mit den Überlieferungen aus der babylonisch-
assyrischen Epoche und mit arabischen Anfängen
durchkreuzen; jedoch tritt in diesen Gebieten als
mächtiges Bindemittel einer trotz aller lokalen
Unterschiede, doch einheitlichen und zur abendländischen
gegensätzlichen Aunstentwickelung, seit der arabisch
muhamedanischen Besitznahme der Länder, die alte
Tradition der Euphratländer mit ihren Grundriß-
und Gewölbetypen, sowie mit der Verwendung
glasierter Ziegel wieder beherrschend in den Vorder-
grund, so daß endlich ein nationales Element, wenn
auch im weiteren Sinne genommen, sieghaft zum
Durchbruche kommt.

von dem oben über den Charakter der älteren
Aunstperioden summarisch Mitgeteilten wenden wir
uns zu dem unserem Interesse näher liegenden Heide
deutscher Aunst, obgleich auch diese in der Hrühzeit
ihrer Entwickelung nur flüchtig gestreift werden soll,
um der Bewegung der Gegenwart einen größeren
Raum widmen zu können. Mhne dem Werte der auf
deutschen: Boden sich entfaltenden Monumentalkunst
irgendwie zu nahe treten zu wollen, kann doch all-
gemein gesagt werden, daß nur wenig Geleistetes
vorhanden ist, das ganz ohne fremden Einfluß zu
stände gekommen wäre.

Die ornamentalen Aunstanfänge der nordischen
und mitteleuropäischen Völker in der Völkerwande-
rungszeit haben kein ausgesprochenes nationales
Sondergepräge, sie sind fast identisch bei den keltischen,

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