Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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W- Randzeichnunz von Leonh. Hellmuth, Ansbach.

die historische, die es in Amerika nicht
gibt, sondern die der Gegenwart in
modernster Ausfassung. Die amerikanische
'Kunst hat ihre Vorbilder aus allen ver-
gangenen Perioden des alten Europa
geholt, aber es ist ihr gelungen, sich
bald zum perrn über den gesanimelten
Stoff zu machen, und früher, als dies
in Europa geschehen ist, eine eigene
Richtung zu nehmen. Die Originalität
und Sicherheit, mit der die Amerikaner
die Rustika in Stein, besonders an ihren
Landhausbauten handhaben, die frische,
auf eigenen Naturstudien beruhende Or-
namentik, außerdem die Gewandtheit,
mit der neue Typen für Geschäftsbauten
ins Leben gerufen werden, sind unläug-
bare Vorzüge des Amerikanertums. So
sind die Amerikaner auf dem besten
Wege, in der Architektur, wie in man-
chen anderen, die Vorbilder der alten
Welt zu werden; zugleich scheint es, als
ob es ihnen früher als anderen Nationen
gelingen könnte, aus der internationalen
Verschwommenheit der neuesten Rich-
tung herauszukommen und derselben den
Stempel nationaler Eigenheit auszu-
prägen, um in diesem Sinne den, wie
es scheint, unvermeidlichen Kreislauf der
Entwickelung zu vollenden. Am Ende
haben alle Kunstpcrioden bis auf heute
dasselbe Resultat gezeitigt. Die un-
bekümmerte Perübernahme fremder For-
men hat stets stattgefunden, ebenso ist
bald darauf eine mehr oder weniger
gründliche Umbildung derselben im natio-
nalen Sinne eingetreteu. Jedes einmal

zur höchsten Stufe der Ausbildung ge
langte stilistische Ideal muß jedoch ver-
alten, wenn es nicht mehr im stände ist,
die später hinzukommenden räumlichen
und konstruktiven Anordnungen in sich
aufzunehmen. In den älteren Kunst
Perioden hat sich dieser Vorgang regel-
mäßig vollzogen und bedeutete den
Abschluß einer beendeten, zugleich aber
den Beginn einer Eutwickelungsweise,
welch letztere in mehr oder minder
engem Anschluß an das bisher Ge-
leistete steht.

Das Archaisieren, das heißt das Wieder-
herausholen der Kunstideale vergangener
Zeiten und der Eklektizismus, das heißt
die willkürliche Mischung stilistisch ver-
schiedener Formenkreise, sind erst Er-
scheinungen der Neuzeit. Nun sind es
aber gerade diese beiden Arten der
Kunstbethätigung, deren Berechtigung
von der neuesten Richtung bestritten wird.
Das gedankenlose Kopieren nach alten
Mustern darf sich nicht mit der Flagge
des „Nationalen" decken wollen, und
fällt auch keineswegs mit denr freien
Schaffen auf Grund der zwar mit der
Zeit veränderten, aber doch in den Grund-
zügen bleibenden volkstümlichen Typen
zusammen. Es mag fein, daß sich auf
letzterem Wege ein Verschmelzen der
Gegensätze ohne falschen Eklektizismus
ergibt; und daß sogar in dieser Weise
die oft versuchte und bisher nicht er-
reichte organische Verbindung der Antike
mit dem Mittelalter zur Wirklichkeit
werden kann.
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