Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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NETSUKE

Von Richard Graul

u

NSER Wissen um die
Kunst der Japaner ist
noch jung. Erst nach
dem Bekanntwerden von Wer-
ken der guten Kunst Altjapans
auf der Pariser Weltausstellung
von 1878 begann die ernst-
haftere Beschäftigung mit den
mannigfachen Erzeugnissen ja-
panischer Kunstfertigkeit. Zu-
nächst sammelte man ein wenig
auf das Geratewohl, und die
ersten Enthusiasten in Frank-
reich und England vermochten
unter den Waren, die der Kunst-
markt brachte, nicht gleich das
wirklich Gute von dem Min-
deren zu scheiden. Erst nach
und nach wich die Freude am
malerisch Exotischen einem
gründlichen Studium und Vor-
dringen zur Erkenntnis des
charakteristisch Japanischen, der
strengeren, herberen Kunst Alt-
japans. Künstler, namentlich
des impressionistischen Kreises
in Frankreich, und begeisterte
Kunstfreunde, die nach neuen
Sensationen lüstern waren, wie
die Gebrüder Goncourt, wie
Burty, gehörten zu den eifrigen
Sammlern —erst aller japanischen,
dann nur einer ausgesuchten japanischen Kunst. So
bildete sich namentlich in Frankreich bald eine Kenner-
schaft aus, aber es dauerte lange, ehe die öffentlichen
Sammlungen von der japanischen Invasion Kenntnis
nahmen. Noch in einem Briefe Philipp Burtys aus
dem Jahre 1891 wurde über die Indifferenz der
Pariser geklagt und in Wien um Teilnehmer an einer
Versteigerung japanischer Kunstwerke geworben. Aber
Deutschland und Österreich lagen damals noch durch-
aus im Banne des Tapezierer-Japans, für das Sullivans
Operette allenthalben Propaganda gemacht hatte. Ende
der achtziger Jahre gab^es in den Landen deutscher
Zunge noch keinen ernsthaften Sammler japanischer
Kunst. Justus Brinckmann in Hamburg begann in
aller Stille den Grundstock zu der berühmten Samm-
lung des Hamburgischen Museums für Kunst und
Industrie zu legen, und mit ihm wurden noch andere
auf den Reiz und den künstlerischen Wert japanischer

HOLLÄNDER MIT EINEM
KAMI'FHAHN IN DEN
ARMEN. ELFENBEIN-
NETZ KE

rungen solcher,
gekommen sind
um der Kunst

Kunst aufmerksam. Zu den allerersten Japanfreunden
gehörte auch Albert Brockhaus in Leipzig, der bereits
1877, also bald nach den ersten eindrucksvollen Er-
folgen des japanischen Kunstgewerbes auf der Wiener
Weltausstellung von 1873, begonnen hatte, jene
interessanten Schnitz werke, die sogenannten Netzke
(Netsuke) zu sammeln, die wie eine Art Knopf am
Gürtel (obi) der Japaner das Gehänge des Rauch-
geräts, der Medizindosen (inro) festhalten (siehe unsere
Abbildungen). Der »gemeine« Europäer - Kunstge-
schmack hatte zuerst in den vielartigen niedlichen
Netzkes nichts als eine Art Nippes, zwecklosen Zierat
erblickt, und oberflächliche Betrachter und mißgünstige
Beurteiler Japans sehen noch heute in diesen Dingen
nur eitle Spielereien, Allotria, die ein ernsthaftes
Studium nicht wert sind. »Die Dekadenzkunst eines
subjektivistischen Zeitalters« ruft der eine, »a boxful
of incongruous, unnecessary, inexcusable gew-gaws«
greint der andere.

Zum Glück sind das nur dilettantische Äuße-
die noch nicht hinter die Wahrheit
Wir wissen jetzt genug von Japan,
Japans nichts Unvernünftiges mehr
zuzutrauen. Wir wissen, daß gerade die Zweckmäßig-
keit eine Haupttugend der gewerblichen Künste ist.
Und gerade in Ansehung dieses Zweckes lernen wir
immer mehr den vorbildlichen Wert dieser Gebrauchs-
kunst schätzen. Der moderne orientierte Sammler weiß
die Gegen-
ständeseiner

Neigung
aber auch
als Kultur-
dokumente
von größter
Aufrichtig-
keit zu be-
trachten, er
geht den
geistigen Fä-
den nach, die
das künstle-
risch ver-
edelte Ge-
brauchsgerät

verbindet
mit dem Füh-
len und Den-

, ■ DER OLUCKSOOTT HOTEI MIT EINEM KIND

ken eines AUF DEN SCH(jLTERN. elfenbeinnetzke
Volkes. Eine von yoshitomo. 18. jahrh.
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