Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

DIE MODERNE BEWEGUNG IN DER TEXTIL-
INDUSTRIE

Wer die moderne Flächenmusterung betrachtet, muß,
selbst wenn er nicht Kunstverständiger ist, den großen
Wandel sehen, der sich auf diesem Gebiete in den letzten
zehn bis fünfzehn Jahren vollzogen hat, mehr bei allen
den Erzeugnissen, die für Dekorationszwecke bestimmt
sind, wie Teppichen, Möbelstoffen und Tapeten, weniger
bei den Stoffen, die der Bekleidung dienen. Um zu
der Erklärung dieser Erscheinung zu kommen, könnte
man hier die ganze kunstgewerbliche Bewegung der letzten
fünfzig Jahre aufrollen, mit Ruskin und William Morris,
diesem großen Reformator auf dem Gebiete der Webe-
musterung, beginnen und so zu der Bewegung kommen,
die uns in Deutschland vor allem interessiert und uns auf
den Punkt führt, wo nach dem Durcharbeiten der alten
Stilarten sich Männer an die Spitze stellten, die, unbeein-
flußt durch vorhandene Überlieferung, neuschaffend vor-
zugehen versuchten. Vor ihrem Auftreten lag die Kunst
der Flächenverzierung lediglich in der Hand von Berufs-
zeichnern, die jahraus jahrein am Zeichentische saßen und
ein Muster nach dem andern entwarfen, der besseren
Arbeitsteilung wegen möglichst nach Material gesondert,
der eine stetig für Teppiche, der andere für Tapeten, der
dritte für Seide, der vierte für Baumwolle, einer nur für
Druck, ein anderer nur für Weberei. Ist es da nicht natür-
lich, daß große Einseitigkeit, ein Kreis gleichartiger Formen
sich herausbildete, der jede Eigentümlichkeit vermissen
ließ? Da war es denn eine befreiende Tat, daß Künstler,
die bisher nur der hohen Kunst gehuldigt hatten, Palette
und Meißel beiseite legten und geschmackbildend und
neuschaffend eingriffen. Natürlich war es schwer für
Künstler, die bis dahin Gebilde schafften, die nur einen
Selbstzweck hatten, in denen sie ihr ganzes künstlerisches
Empfinden ausströmen lassen konnten, sich hineinzufinden
in Werke, die, vorerst nur Modell, in ihrer Ausfuhrung
abhängig von einer mehr oder weniger schwierigen und
zusammengesetzten Technik waren. Gerade dies war ein
Punkt, den mancher der modernen Künstler, die nur ge-
wohnt waren, in höheren Sphären zu schweben, als zu
geringfügig erachtete, um sich gründlich damit zu befassen.
Erscheinen diese Fragen der Technik schon in manchen
Zweigen des Kunsthandwerks lästig, die mit kräftigem
Material in großen Zügen arbeiten, um wieviel mehr
mußte dies der Fall sein bei einem Herstellungszweig,
wie der Webeindustrie, die der kleinlichsten Berechnungen
und umständlichsten Vorarbeiten bedarf, um die für sie
geschaffenen Entwürfe zu schönen und brauchbaren Er-
zeugnissen umzugestalten. Da ist es denn begreiflich, daß
sich die Künstler zuerst den Geweben zuwandten, deren
Technik ihnen am leichtesten verständlich, und bei denen

ihrem künstlerischen Schwung die geringste Fessel auf-
erlegt war. Es waren dies die handgeknüpften Teppiche,
die in ihrem unbegrenzten Farbenreichtum von hoher
dekorativer Wirkung sind und durch ihre Haltbarkeit und
Güte zu lange dauernden Kunstwerken gestempelt werden
können. So ist es denn zu beobachten, wie ein großer
Teil der modernen Nutzkünstler sich zuerst an diesen Ge-
bilden der Webekunst versucht hat. Beim Knüpfteppich
kann in der Tat jede Form, wofern sie nicht im Maßstab
gar zu klein ist, und jede Farbe an jeder beliebigen Stelle
im Gewebe wiedergegeben werden. Bei allen übrigen
gemusterten Geweben ist die Farbenzahl beschränkt und
ebenso wie die Mustergröße und Wiederholung von be-
stimmten Bedingungen abhängig, die zu kennen für den
Zeichner des Musters mehr oder weniger Notwendig-
keit ist.

Trotz dieser Schwierigkeit ist es gelungen, auch auf
manchem dieser Gebiete der Weberei recht Gelungenes
hervorzubringen. Es kamen vor allem die Stoffe in Be-
tracht, die sich leicht künstlerisch ausgestalten lassen, Ge-
webe, die in einfachen Bindungen farbige Flächen neben-
einander zeigen, die durch andersfarbige Umrißlinien ge-
trennt werden. Vielfach schafften auch die Fabrikanten
Erzeugnisse, die imstande waren, den Entwürfen der neu-
zeitlichen Künstler zu folgen. Es mag hier erinnert sein
an die englischen Möbelstoffe aus Seide und Baumwolle,
die als Hohlgewebe gewebt, das Muster auf beiden Seiten
in gleicher Klarheit, nur in den Farben umgekehrt, er-
scheinen lassen. Wie England den Anstoß gab zur Um-
gestaltung der Muster auf neuerer Grundlage, die wieder
zur Natur und ihrem Studium zurückführt, so trat auch
dieses Land zuerst mit geeigneten Geweben auf den Plan,
und auch seine Tapetenindustrie machte sich zuerst die
neuen Schmuckformen zu eigen. Als im Jahre 1894 in der
Königlichen Gewebesammlung in Krefeld wohl die erste
Sonderausstellung englischer Tapeten auf dem Festlande
statthatte, fanden diese in ihrer klassischen Einfachheit,
gegenüber dem Blumen- und Ornamentenwust, den man
damals in Deutschland liebte, wenig Verständnis; und doch,
wie sehr haben sie Schule gemacht und alles das beein-
flußt, was — fast möchte man sagen — bis zum heutigen
Tage in der Tapetenindustrie gemacht wird. Doch auch
die englischen Muster in Geweben wie auf bedruckten
Stoffen fanden auf dem Festlande Liebhaber und Nach-
ahmer. Auch sie regten zu Neuschaffungen an. Es traten
Künstler wie Eckmann, van de Velde und andere mit ihrem
persönlichen Geschmack in die Schranken; schaffte der eine
eigenartig behandeltes Pflanzenornament, so blieb der andere
bei durchaus abstrakten Formen, und zwischen diesen beiden
Künstlern, von denen jeder auf dem äußersten Flügel zweier
scharf unterschiedener Richtungen steht, gibt es dann eine
bedeutende Zahl solcher, die alle mit ihrer Eigenart sich
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