Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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232 BEMERKUNGEN ZUR 3. DEUTSCHEN KUNSTGEWERBEAUSSTELLUNG DRESDEN 1906

M

KERAMIK

Von Ernst Zimmermann

AN darf wohl sagen, die deutsche Keramik neueren
Stiles ist auf der Dresdener Ausstellung ziemlich voll-
ständig vertreten. Nur Baden, das auf diesem Gebiete
in letzter Zeit eine ganze Reihe rühriger Kräfte hervorgebracht,
ist in fast unverständlicher Weise beinahe ganz ausgeblieben.
Auch die neue großherzogliche Manufaktur, die den so interessanten
Versuch gemacht hat, die alte Majolikatechnik zu neuem künst-
lerischen Leben wieder zu erwecken, ist hier nur mehr zufällig
durch einen einzigen ihrer Mitarbeiter erschienen. Das ist sehr
bedauerlich, da dieses Fernbleiben fast wie eine Absicht aussieht,
tut aber doch wohl der hiesigen Veranstaltung nicht so viel
Abbruch, daß nicht auf Grund des hier gebotenen Materials ein
einigermaßen richtiges Urteil über den augenblicklichen Stand
der Keramik gefällt werden dürfte. Es sei daher hier ein solches
gewagt, nachdem das offizielle Preisgericht sein Urteil über die-
selbe bereits abgegeben und dieses zur allgemeinen Kenntnis
gebracht worden ist.

Zu diesem Zwecke sei zunächst der Gesamteindruck der
hier ausgestellten Objekte festgestellt, der das Verständnis der nach-
folgenden Kritik im einzelnen sehr erleichtern wird. Es sei
gleich gesagt, daß die Keramik, die technisch dank den großen
Errungenschaften des ig. Jahrhunderts so unendlich hoch dasteht,
künstlerisch diese Höhe leider noch nicht entfernt erreicht hat,
ja noch nicht einmal entfernt diejenige Höhe, die so manche,
ja vielleicht die meisten anderen Gebiete der dekorativen Kunst
schon wieder erreicht haben. Die Gründe hierzu sind nicht
allzu schwer zu entdecken. Die Keramik ist schon technisch ein
so schwieriges Gebiet, daß sich der »moderne« Künstler in ihr
auch künstlerisch nur sehr schwer zurecht findet. Ein einfaches
Aufzeichnen auf Papier auf Grund einiger mehr oder weniger
theoretisch erworbener technischer Kenntnisse reicht hier nicht
aus. Sie verlangt in dieser Beziehung eine wirkliche Erfahrung und eine wirkliche technische Begabung,
dazu Ausdauer und Geduld gegenüber den vielen zuerst mißglückenden Versuchen und schließlich einen
ungemein feinen Farbensinn, der heute auf dem Gebiet der bildenden Kunst wohl noch am allerseltensten
anzutreffen ist.

Dann aber weiter ist nicht zu vergessen, daß die Keramik heute ausschließlich und wiederum mehr
als irgend ein anderes Gebiet der dekorativen Kunst, eine ausgesprochene Industrie, ja eine richtige Groß-
industrie ist. In kleineren Betrieben vermag sie nur weniger bedeutende Sachen herzustellen. Dieser Um-
stand weist den, der künstlerisch keramisch schaffen will, fast ausschließlich an die Großfabrikanten. Nun
aber wird keiner leugnen können, daß die vielen bisher produzierenden Großfabrikanten, von einigen
rühmlichen Ausnahmen abgesehen, für das Aufkommen der gesamten neuen Kunst ganz erstaunlich wenig
getan haben, daß sich vielmehr fast überall — man denke nur an die modernen Möbel — ganz neue
Betriebe haben bilden müssen, um überhaupt das Aufblühen dieser Kunst zu ermöglichen. Und hier
gilt leider in der Regel der Satz: je größer die Anstalt, desto größer auch die Gleichgültigkeit gegen-
über allem, was neu ist, wenigstens soweit dieses Neue nicht von ihnen selber gewollt wird. Für die
keramischen Fabriken kommt vielfach noch ihr internationaler Charakter hinzu. Wenn man an den Ab-
satz nach allen fünf Weltteilen hin denkt, wer wird da groß acht geben, daß im eigenen Vaterlande eine
nationale Bewegung einsetzt, die einen kleinen Teil des Publikums nach neuen besseren Dingen verlangen
läßt? Der große Absatz, das Massenpublikum bringt den Verdienst, und wer wird es unserer finanziell
teilweise so glänzend dastehenden keramischen Industrie verdenken, daß sie die Absicht hat, sich finanziell
noch glänzender zu entwickeln? Es gibt eben auch einen Idealismus des Materialismus, neben dem der
echte Idealismus nur zu leicht zu kurz kommt.

Treue Helfershelfer in diesem Bunde sind zum Teil die deutschen »Fachzeitschriften«. Die deut-
schen Fachzeitschriften, das ist leider in der Tat ein recht trauriges Kapitel, das einmal ernstlich durch-
gesprochen werden müßte. Sie, die gehalten und gelesen werden, weil der gutgläubige Leser, der sich
weiterbilden will, sich einbildet, daß ihm in ihnen auf seinem Gebiete das Neueste und Brauchbarste vorgesetzt

Dame mit Muff. Von K. Hentschel-Meißen
Kgl. Porzellaiimanufaklur Meißen
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