Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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FRITZ ERLER. WANDGEMÄLDE IM MUSIKRAUM DER VILLA NEISSER IN BRESLAU

FRITZ ERLERS MONUMENTALE MALEREIEN

Von Professor Dr. Karl Mayr

DIE in diesem Hefte zusammengestellten Wand-
bilder und als Wandbilder gedachten größeren
Arbeiten des in Schlesien geborenen, jetzt in
München lebenden Malers Fritz Erler sind nur eine
Auswahl aus dem bisherigen, überaus reichen Werke
des hochbegabten Künstlers. Wer die Entwicklung
unserer Kunst Jahr für Jahr verfolgt und gespannt auf
diejenigen sieht, in deren Werken sich das Empfinden
unserer Zeit zu verkörpern scheint, hält schon lange
seine Aufmerksamkeit auf Erler gerichtet. Viele sehen
in ihm den Hauptführer einer nationalen und mo-
dernen Stilrichtung. Und wer die Werke auf sich
wirken läßt, die hier wiedergegeben sind, wird sich
kaum dem Eindruck entziehen können, daß wir es in
Erler mit einer durchaus eigenartigen Persönlichkeit
zu tun haben, deren Vorstellungen zwar in der Ge-
fühlswelt der gegenwärtigen Generation begründet
sind, diese aber in einer höchst individuellen Art ab-
wandelt.

Niemand wird Erlers Monumentalarbeiten vor-
werfen können, daß sie in Nachahmung befangen sind.
Sie gleichen in keiner Weise den Werken der Karton-
periode und beabsichtigen deshalb auch nicht, wie
manche neuere Nachempfinder jener Epoche, vermittels
eines Kunstwerkes die Denklust unserer Gebildeten
zu entflammen oder sie zum Lösen schwieriger Bilder-
rätsel zu reizen. Erlers Schöpfungen beruhen auch
nicht auf dem Quietismus und der eigentümlichen,
letzten Endes damit zusammenhängenden Raumver-

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teilung des Puvis de Chavannes. Keiner der großen
Renaissancekünstler und auch kein Tiepolo stand bei
ihnen Pate. Freilich eigenartiges Serien ist gewiß
meist ein Hindernis für die rasche Aufnahme. Wir
haben ja so unendlich viel gelernt. Wir können uns
an der Mystik Giottos erbauen, und sind genußfreudig
mit Rubens. Wir bewundern die Eroberungszüge der
Konquistadoren des Impressionismus und selbst in
der Formenleere eines Cornelianischen Kartons ver-
mögen wir noch den Intentionen eines großartig ver-
anlagten Geistes nachzuspüren. Kurz, wir sind ange-
füllt mit einem wahren Kanon von Ausdrucksmöglich-
keiten, an dem wir alles Neue messen, und dabei
entgeht unseren ausgebreiteten kunsthistorischen Kennt-
nissen nur allzuleicht und zu häufig die Haupterfah-
rung der Kunstgeschichte, daß alles in der Kunst nur
einmal recht hat. Da der Schatz unserer Vorstellungen
aufs engste mit unserer ganzen Bildung verknüpft ist,
und das Neue stets auf der fein differenzierten Emp-
findung der Künstler und Führer beruht, welche zu-
erst und am stärksten das Grundgefühl neuer Epochen
haben, muß Neues fast mit Notwendigkeit in den
heftigsten Widerspruch selbst mit den eigenen Zeit-
genossen geraten. So mag es auch manchem mit
Erlers Arbeiten ergehen.

Was man aus den Abbildungen dieses Heftes
aber leider nicht ersehen kann, ist die farbige Qualität
der Bilder. Nicht zu ihrem Glück sind die meisten
unserer zeitgenössischen Wandmaler am Impressionis-

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