Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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DAS NEUE LEIPZIGER RATHAUS

Von Dr. F. Becker

DIE Stadt Leipzig ist in der glücklichen Lage,
seit 25 Jahren in Baurat Hugo Licht einen
der hervorragendsten Baukünstler Deutsch-
lands zum Stadtbaumeister zu haben, der nun die
Reihe seiner städtischen Monumentalbauten durch
sein Hauptwerk, den Neubau des Rathauses, gekrönt
hat. Nach seinen Entwürfen und unter seiner Leitung
ist in sechsjähriger Bauzeit das Riesengebäude mit
seinen fünf Geschossen, mit ragenden Giebeln und
einem Hauptturme und Fassadentürmen empor-
gewachsen und beherrscht jetzt die Silhouette des
Stadtbildes noch viel mächtiger und prächtiger als
die alte Pleißenburg, die ihm hat Platz machen
müssen. Am 7. Oktober findet die festliche Ein-
weihung statt, und nicht nur in Leipzig, sondern
weithin in den Kreisen der bildenden Kunst und des
Kunstgewerbes wird man von der Vollendung dieses
Meisterwerkes moderner Monumentalarchitektur mit
lebhaftem Interesse Kenntnis nehmen. Leipzig erhält
damit sein schönstes Bauwerk neben dem Reichs-
gerichtsgebäude, einen wirklich vollgültigen und den
Bedürfnissen einer Halbmillionensfadt entsprechenden
Ersatz für das alte, würdige Renaissance-Rathaus, das
vor 350 Jahren in der ersten Blütezeit der Stadt er-
baut wurde und nun pietätvoll erhalten bleibt. Frei-
lich entbehrt nun das neue Rathaus einen so schön
geschlossenen Platz wie den Marktplatz, aber der Er-
bauer hat es verstanden, die isolierte Lage durch eine
herrliche, reichbewegte Silhouette und durch ent-
zückende Gruppen- und Fassadenbildungen künst-
lerisch auszugleichen. Blickt man auf die nach Süden
gerichtete Hauptfassade, so hat man wohl einen Mo-
ment den Eindruck überwältigenden Reichtums der
Flächen, Linien und Formen, aber sehr bald löst die
wundervolle Ordnung, die klar und energisch ge-
zogenen Höhen- und Breitenlinien, der Rhythmus der
Fenster und Simse das Gesamtbild in seine Haupt-
und Nebenteile auf. An den etwas vorspringenden,
spitzgiebligen, von zwei Türmen flankierten Mittel-
trakt, der den von zwei steinernen Löwen bewachten
dreiteiligen Haupteingang enthält, schließen sich die
breiten, an den Ecken mit Giebeln gekrönten Seiten-
flügel an. Auf einem Sandstein-Rustikabau von einer
Wuchtigkeit, wie man sie am Palazzo Medici be-
wundert, in Deutschland aber noch nirgends gesehen
hat, erheben sich die vier oberen Geschosse, in
Muschelkalkquadern ausgeführt. Dieses schöne Ge-
stein läßt nicht nur alle Linien und Formen bestimmt
heraustreten, sondern gibt dem ganzen Gebäude einen
heiteren, leicht altersgrauen Gesamtton, so wie ihn
Canaletto und Guardi auf ihren venezianischen Veduten
darzustellen lieben. — An die Hauptfassade schließt
sich nach Südwesten eine schön gegliederte, mit zwei
Seitentürmen, hohem Giebel und einem statuenbesetzten
Balkon gezierte Eckwand an, eine »verbrochene« Ecke,
die eine reizvolle Lösung der Schwierigkeit darstellt,

NEUES LEIPZIGER RATHAUS
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