Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

ZUR GESCHICHTE DER MOSAIKTECHNIKEN1)

Von Regierungsbaumeister Adolf Zeller-Darmstadt

Die Darstellung der gesamten Mosaik- oder Inkru-
stationskunst ist Gegenstand dieses ganz ausgezeichnet
geschriebenen, durch die knappe Behandlung des reichen
Stoffes sehr fesselnden und mit ganz vorzüglichen Ab-
bildungen ausgestatteten Werkes. Begule geht aus von
der Inkrustation von hellen oder dunklen Steinsorten durch
gefärbte Mörtel- oder harzhaltige Kittarten (Mastix). Für
diese Dekorationsweise, eine dem Niello und dem Gruben-
email verwandte Technik, haben wir keinen speziellen
Kunstausdruck. Die Herstellung dieser eigenartigen In-
krustationen geschieht auf folgende Weise: Auf die glatte
oder polierte Platte aus Marmor oder sonstigem Hart-
gestein werden durch Aufpausen oder Zeichnen die Um-
risse der gewünschten Darstellung übertragen, die mit
Hilfe des Grabstichels vertieft werden. In manchen Fällen
genügt diese Konturierung (z. B. bei Grabinschriften), in
den meisten Beispielen aber ist der ganze Grund des Or-
namentes oder der Figur auf drei bis sechs Millimeter
Tiefe rauh durch Kreuzschläge entfernt und wird gleich
den einfachen Umrißzeichnungen mit farbigem Mörtel,
meist aber einem gefärbten, mit Harz versetzten und er-
hitzten Bildhauerkitt ausgefüllt. Das Ornament usw. hebt
sich daher, je nach der Farbe des Unterlagsmateriales hell
oder dunkel vom Grunde ab. Die mangelhaften Über-
gänge der Linienführung an den Stoßfugen beweisen,
daß die Herstellung der Inkrustation vor dem Versetzen
bezw. Ankitten der Platte an die Wand stattfand. Eine
Analyse der Füllmasse hat ergeben, daß sie aus ca. einem
Teil Eisenrot und zwei Teilen Formergips besteht, teil-
weise aber auch stark mit Harzen oder Bildhauerkitt
(Schellack) versetzt ist. In letzterem Falle muß sie natürlich
heiß eingebracht werden, hat aber auch den Vorteil größerer
Elastizität und dadurch größerer Dauerhaftigkeit, wie es
die vorhandenen Ausführungen beweisen.

Begule beschreibt zunächst den inkrustierten Schmuck
der Chorapsis von St. Jean in Lyon, der aus einem in
Höhe der Pilasterkapitelle auf weißen Marmorplatten ein-
gelassenen Fries von Blattornamenten besteht. Die Abaken
der Kapitelle zeigen Blatt- und Perlenschmuck in gleicher
Technik. Die oberste Stufe der ehemaligen Kathedra der
Erzbischöfe zeigt eine Maske, die in zwei Oliphanten-
hörner blasend, symbolisch die Worte Christi der Welt
verkündet. Reiche Pilasterkapitelle in flacher Inkrustations-
arbeit zieren die Seitenwände des Chores, unter den
dargestellten Motiven ist die Wiedergabe eines Kameles
mit einem Negerknaben von Interesse, die an Eindrücke
aus den Kreuzzügen erinnert. An den Karniesen der
Fensterleibungen sind geometrische Ornamente, darunter
der Mäander in gleicher Technik eingelassen. Unterhalb
des Triforiums laufen inkrustierte Bänder. Begule gibt
hierzu ein Bild, das besser wie jede Beschreibung die
feine und vornehme Wirkung veranschaulicht, die diese
Dekorationsart als Vermittler zwischen dem glatten Mauer-

1) M. Luden Begule, Les incrustations decoratives des
cathedrales de Lyon et de Vienne. Recherches sur une
decoration d'origine Orientale et sur son developpement
dans l'art occidentale du moyen äge. igos. A. Picardet fils.
Paris. A. Rey & Co., Lyon.

werk und der starken plastischen Schattengebung der fein-
gegliederten Architektur der Arkaluren und ihres reichen
Schmuckes an Kapitellen hervorzaubert. Die Friese sind
entsprechend ihrer Höhe kräftig im Detail behandelt,
phantasievoll in der Erfindung und von antiken Reminis-
zenzen erfüllt.

Der Chor der alten Kathedrale St. Maurice in Vienne
zeigt diesen musivischen Schmuck in erhöhtem Maße.
Die Motive sind vielfach der Tierwelt entlehnt, der Mönchs-
humor hat z. B. eine Laus in Riesengröße wiedergegeben;
ein Centaurenkampf, der dreiköpfige Janus und anderes
mehr verraten die wahrscheinliche Herkunft der eigen-
artigen Technik, die Begule an anderer Stelle nach Ober-
italien — Venedig — Byzanz rückwärts verfolgt. Die
stilistische Behandlung der Tiere ist z. B. für Zeichner
von größtem Interesse. Begule nimmt für die Inkrustation
von St. Moritz das Jahr 1251, für die Kathedrale von
Lyon die Zeit zwischen 1165—1180 in Anspruch.

Von sonstigen Inkrustationen der Epoche ist in Frank-
reich wenig erhalten, z. B. Bruchstücke eines Mausoleums
des hl. Lazarus (ursprünglich in der Kathedrale), jetzt
im Lapidarium der Stadt Autun. Drei Füllungsplatten
dieses Denkmales, deren Figuren nielloartig mit schwarzem
dauerhaften Harzkitt mit eingerissenen Konturen in hellen
Steinplatten hergestellt sind, gehören zu den bedeutenderen
Resten.

Auch die 1152 durch Meister Martin erbaute Kirche
St. Andre-les-bas in Vienne zeigt an einzelnen Architektur-
teilen noch Spuren einer leider stark zerstörten Inkrustation,
die hier sogar mehrfarbig ist. Begule vermutet nach den
Formen der gleichzeitigen Kirchen St. Andre und der
Apsis der Kathedrale von Lyon ein und dieselbe Künstler-
familie, wohl die des Meisters Wilhelm, übereinstimmend
mit dem bekannten Beispiel der Cosmaten in Italien im
13. Jahrhundert, die ja auch Spezialarbeiter waren.

Im Anschluß an diese spezielle Inkrustationstechnik
in farbigen Mörteln oder Harzkitten gibt Begule ein ge-
drängtes, aber sehr anschauliches Bild über die Entwicke-
lung der Mosaik- oder Einlagearbeiten überhaupt. Er be-
handelt zunächst die Mosaikarbeiten aus echten Stein-
materialien , sodann Einlagearbeiten aus gefärbtem Mörtel
im Orient und Italien bis zum Ende des 13. Jahrhunderts,
endlich die Inkrustation aus bunten Stein- und Metall-
einlagen für Grabmäler, Fußböden usw. in Frankreich und
Italien im 13. bis 16. Jahrhundert.

Da die Arbeit Begules infolge ihres anregenden In-
haltes vollauf verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu
werden, da sie in mustergültiger Form über eine früher
für Monumentalbauten fast unerläßliche und jetzt leider
viel zu sehr vernachlässigte Technik orientiert, so sei es
gestattet, über den Rahmen der üblichen Besprechung
hinausgehend, den Inhalt der genannten Kapitel kurz zu
behandeln.

Die wahrscheinlich schon von den Chaldäem geübte
Technik der Inkrustation verbreitet sich durch die ge-
samte semitische und ägyptische Kunst bis in die helle-
nistische Epoche. Alexandrien, der Vermittlungsplatz euro-
päischer und orientalischer Kunst, führt die Inkrustations-
technik der spätgriechischen und byzantinischen Kultur zu,
die in der Folgezeit besonders die Mosaikarbeit in Marmor
und Glaspasten ausbildet.

Im Altertum unterschied man: opus vermiculatum, her-
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