Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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ZWEI AUSSTELLUNGEN ALTER KUNSTWERKE

IN BELGIEN 1905

Von Julius Lessinq

DIESER Sommer hat im ganzen eine erfreuliche Ruhepause im Ausstel-
lungswesen gebracht, nur in Belgien macht sich ein gewisser Überschuß
bemerkbar. Lattich hat sich bemüßigt gefühlt, eine »Weltausstellung«
herzurichten. Warum? ich weiß es nicht zu sagen. Vielleicht liegt die Ant-
wort in den Maschinenhallen, Lüttich ist eine Zentralstelle für die Metallarbeit,
besonders für Geschützwesen. Im übrigen breitet sich die Ausstellung lustig
auf den baumbewachsenen Inseln aus, die dort zwischen den verschiedenen Fluß-
läufen auch zu gewöhnlichen Zeiten ein anmutiges Bild gewähren. Dieses
Bild wird durch die Ausstellungsbauten freundlich belebt, vor allem aber durch
die Blumenzucht, in der es Lüttich mit aller Welt aufnimmt. Das Ganze trägt
das Gepräge einer mittelgroßen Provinzialausstellung. In der Industriehalle sind
allerdings die Länder aller Welt vertreten, die Exoten ungefähr so, wie in der
Wandelhalle eines Badeortes. Man hatte behauptet, Japan wenigstens habe
eine schöne Ausstellung, die es von Ort zu Ort schicke. Völlig unrichtig!
Die Entfaltung ist ziemlich breit, aber bis auf zwei bis drei Tische ist alles
die gewöhnliche Exportware. Von den europäischen Landen hat nur Frank-
reich etwas Einheitliches hingestellt, oder richtiger Paris. Paris hat in dem
reichen und nahegelegenen Belgien eine vorzügliche Kundschaft und bringt sich
dieser in wohlwollende Erinnerung. Die Toilettenabteilung dominiert. Erfreu-
lich ist es zu sehen, daß gewisse ungesunde Auswüchse der Bronzemöbel,
obgleich sie seit 1900 auf allen Ausstellungen herumgeschleppt wurden, doch
unverkäuflich geblieben sind. Überall haben wir es mit Ladenware zu tun, aber
diese steht eben in Paris auf einem sehr hohen Niveau.

Von der deutschen Abteilung in der Industriehalle ist nichts Erfreuliches
zu melden: eine stattliche Fassade und dahinter ein Saal mit wildem Gemisch.
England steht noch weiter zurück. Über diese modernen Gruppen zu berichten,
wäre ein unnötiges Bemühen, sie mögen einzelnes Hübsche und Verdienstliche
enthalten, im ganzen zeigen sie nirgends eine Stufe der Entwickelung, es sei
denn die Entwickelung der Ausstellungsmüdigkeit. Dies wäre immerhin etwas.
In dieser Lütticher Weltausstellung fehlt keine Nummer des bekannten
Programms: ein Alt-Lüttich, ein Bratwurstglöckchen, Kunstpalast, Alpen, Rutsch-
bahnen usw. Also haben wir auch eine Abteilung für alte Kunst und diese
ist gar nicht übel; hierbei ist ein Weltcharakter auch nicht einmal angedeutet,
man hat sich auf Belgien beschränkt.

Zu gleicher Zeit ist nun in Brüssel l'art ancien Bruxellois ausgestellt, also
in nächster Nähe eine direkte Konkurrenz und zwar eine recht stattliche.

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