Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE PYRAMIDEN

jede Pyramide, und niemand kann uns darüber etwas vor-
machen. Wir betreiben es als Spezialität. Natürlich nur
von außen. Überlegungen geschichtlicher Art halten wir uns
geflissentlich fern, und wenn uns ein gutmütiger Mensch
darüber etwas erzählen will, wird Babuschka schläfrig.
Sie tut so, als sei sie mit den Dingen aufgewachsen.

Auf der Fahrt in der Vierzehn stelle ich mir regelmäßig
vor, wie viele vernünftige Vorsätze an diesem Tage wieder
unerfüllt bleiben, wie die Zeit verrinnt, wie lächerlich
leicht aus an sich legitimen aber unkontrollierten Regun-
gen gewohnheitsmäßiger Sport wird, und dann bin ich ge-
neigt, uns für Simpel zu halten, die einer Postkarten-
romantik unterliegen.

— „Wir können ja auch aussteigen und ins Museum
gehen!“ sagte gestern Babuschka freundlich. Sie hatte das
Braune an. Es war drei, und wir befanden uns kurz vor
Gize. Nach einer Weile erkundigte sie sich, ob ich die
Pyramiden nicht für Kunst halte.

— „Nein!“ sagte ich sehr kurz.

Sie ließ sich nicht abhalten.

— „Aber Raffael und dergleichen, das hältst du für
Kunst, wie?“

Ich sah auf die Reihe bepackter Kamele auf der Land-
straße, jedes mit seinem auf und ab wogenden Riesen-
bündel Schilf und Zuckerrohr auf dem Rücken und dem
irgendwo in der Luft herumwippenden Kopf mit den
Hängelippen. Womöglich glaubte sie, was sie sagte.

Wir fuhren durch die Überschwemmung. Das Wasser
hat, seitdem wir hier sind, schon beträchtlich abgenom-
men, und da, wo vor vierzehn Tagen noch Schlamm war,
wächst heute Getreide. Dahinter zeigte sich die Cheops.
Ich nickte gewohnheitsmäßig hin, und Babuschka nahm
es für Entgegenkommen und rückte zu mir. Haarscharf
kam das beschattete Dreieck vor den Horizont.

— „Mathematischer Quatsch!“ sagte ich wütend.

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