Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE FAMILIE

Corot und das alte Ägypten! Man wird mich für ver-
dreht halten. Ich meine es auch nicht ernst, beileibe nicht,
kann nichts beweisen und gebe gern zu, daß vielleicht
in den Hieroglyphen auf dem Fuß unserer Gruppe Dinge
stehen mögen, die jeden Gedanken an unsere Zeit ver-
bannen müßten. Ich verstehe Hieroglyphen nicht und be-
klage es, aber wenn mich der Besitz dieser Schrift ab-
halten sollte, mir das Ungeschriebene der Gruppe dienen
zu lassen, möchte ich ihn lieber nicht haben. Denn das
Ungeschriebene allein ist das, was uns anzieht, und es
bedeutet genau soviel für diese Gruppe wie für Bilder
Corots das, was wir sein Griechentum nennen und viel
eher sein Ägyptertum nennen könnten, eine Mitteilbar-
keit, die Gleichgesinnten, Gleicherzogenen offen steht und
sie verbindet; eine selbsttätige Verbindlichkeit. Corot wäre
ohne sie ein Landschafter, ein Porträtist, ein Mann im
Walde, nicht Corot. Und sie lag, wenn er seine Frauen
malte, seinem Bewußtsein ebenso fern wie dem Bildhauer
unserer Familie die Aussicht in unsere ferne Epoche.

Man mag nichts Näheres darüber sagen, noch weniger
darüber schreiben, da man fürchten müßte, zu kompakt
zu werden und das Urbane zu beeinträchtigen. Ebenso er-
übrigt sich die Kritik der religiösen Hintergründe dieser
Kunst. Der Komfort solcher Verewigungen ist unan-
greifbar.

Als wir heute vor der Gruppe über die Frau Betrach-
tungen anstellten, fragte Babuschka: „Du, bin ich dicker
als die?“

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