Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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FARBE UND SCHMINKE

machen könnte, wenn es sich lohnte. Es lohnt sich ihr nie.
Sie ist sicher das schlimmste Biest, das je bei Shepheard’s
war, aber die Abneigung gegen jedes Derangement bringt
sie zu einer exemplarischen Ehe.

Viel liegt an der Farbe. Das Fleisch in einem hellen
Milchkaffeeton, der käsig geworden ist und dessen dicker
Auftrag die künstliche Appretur der Haut bezeichnen
könnte. Der herausfordernd bunte Schmuck am Hals und
in dem kohlrabenschwarzen Haar paßt dazu. Eingesetzte
Kristallaugen, übrigens ein Wunder der Technik, erhöhen
noch das Unverfrorene. Man denkt an eine neue Art von
Wachsfiguren.

Nach der Meinung der Gelehrten ist dies der best er-
haltene Zustand einer frühen Plastik. Wenn je unsere Fa-
milie und die anderen Werke so zugerichtet waren, kann
man Gott danken, daß ihre Farbe nicht ebensogut ge-
halten hat. An die Norm dieser Zurichtung weigere ich
mich zu glauben. Nie sah unsere Familie so aus. Schon die
eingesetzten Augen gäben einen ganz anderen Eindruck.
Allein dieses Detail bedingt einen unüberbrückbaren Un-
terschied, den unsere Gruppe mit den meisten Werken
teilt. Künstliche Augen kommen vor, aber sind keineswegs
die Regel. Es liegt auf der Hand, daß die Gefahren des
Naturalismus durch diesen Trick ungemein erhöht wer-
den. Jede Verschiedenheit des Materials erschwert die Ein-
heit des Rhythmus.

Die Erwägungen über die Bemalung liegen in derselben
Richtung. Übrigens läßt sich weder das Havanna des
Prinzen noch der käsige Ton der Frau in anderen Pla-
stiken mit Sicherheit nachweisen. Wohl waren die Farben
immer viel lebhafter im Ton als die gegenwärtigen Reste,
aber hatten nicht diese Zudringlichkeit. Nach den Werken
in Kairo, die ich so genau wie möglich untersucht habe,
geht es nicht an, den Aufputz des Paradestücks für un-
bedingt typisch zu halten.

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