Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DAS OHR DES KÖNIG ZOSER

später. Dr. Ebert, der seit kurzem bei den Schwestern
wohnt, glaubt an früheste Zeit und meint, die Schrift sei
später zugefügt. Der Falke des Chefren hat ähnlichen
Stil, und das ganze Werk einen Zauber von naiver Mystik,
den man der Spätzeit kaum Zutrauen kann. Nur hat man
hier mit Daten schon sonderbare Überraschungen erlebt.
Die Differenz der Meinungen beträgt die Kleinigkeit von
ein paar Jahrtausenden. Die ägyptische Stilkritik liegt
noch in den Windeln.

Zoser ist die älteste Königsstatue des Chefrensaales,
lange nicht die älteste des Museums. Ein Schrank des prä-
historischen Saals im oberen Stockwerk enthält ein frü-
heres Stück kleinen Formats, den sitzenden König Cha-
sechem, aus einem basaltartigen, dunkelgrünen Stein. Vom
Gesicht ist gerade nur die Hälfte vorhanden, genug für
das Profil. Auch dieser König ist bekleidet, trägt den ein-
fachen, aber immerhin hier deutlicher erkennbaren, vor
der Brust übergeschlagenen Mantel mit Kragen und die
hohe Königshaube. Die Darstellung nichts weniger als pri-
mitiv, sondern von bewußter Vereinfachung, der man fast
eine Archaisierung nachsagen könnte. Der Rand der
Haube um das Ohr herum ist mit größter Finesse und
unverkennbarem Wohlgefallen an der scharfen Arabeske
geschnitten, und diese Art von Arabeske hat man in einer
späteren Epoche wieder hervorgeholt. Archaisches und
Archaistisches laufen in Ägypten nebeneinander her, und
die Unterschiede sind viel weniger grob als in der europä-
ischen Antike. Die einzige deutliche Mahnung an die Früh-
zeit steckt in den gekritzelten Zeichnungen von Gestalten,
anscheinend besiegten Feinden, im Sockel des einfachen
Throns. Diesmal steht die Frühzeit fest. König Chasechem
gehört zu der sogenannten zweiten Dynastie, von der man
ungefähr so viel weiß wie von Bewohnern des Mondes. Mit
Chasechem steigen wir in das vierte Jahrtausend. Man
kann sich angesichts des Werkes vorstellen, daß der Stein-

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