Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 327
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NIKE-FRIES

die Pläne und läßt das Licht in Kaskaden über die Glie-
der gleiten, gleich einem silbrigen Gesang, der ein volles
Orchester begleitet und von ihm begleitet wird. Die Nike-
reliefs sind kleineren Umfangs als die Metopen und ent-
standen ein paar Jahrzehnte später. Ihre zurückhaltende
Graphik vermöchte nicht den Architrav eines Parthenons
zu schmücken. Keine Größendifferenz aber kann den
künstlerischen Anspruch aufheben, wenn nicht überhaupt
die Plastik als unverwendbar ausgeschaltet werden soll.
Im Nikefries vollbringt der Bildhauer die Metamorphose
des Stoffs. So handelte auch der gewaltige Schöpfer der
Giebelgruppen des Parthenons, als er den dreieckigen
Raum mit wogendem Barock füllte. Diesem Barock steht
der Nikefries näher als dem Stil der Metopen, und er er-
setzt die ungleich größere Gestalt der Giebelgruppen durch
eine intimere Beziehung zu der geschmückten Fläche und
zum Material.

Die Gipsabgüsse der Giebelgruppen präsentieren sich
hier nicht besser als die Originale in London. Natürlich
kann man für Ersatzstücke keine Kosten machen, aber
wer weiß, ob selbst mit größtem Aufwand ein künstlicher
Aufbau gelingen könnte, ob nicht doch der Tempelgiebel,
trotzdem er nie die Schaulust ganz zu befriedigen ver-
mochte und obwohl er ohne die Gruppen bestehen kann,
der einzig geeignete Platz war. Man möchte auf eine
Stunde ins British Museum. Von allen griechischen Wer-
ken, die in der Welt verstreut sind, ist keins schwerer zu
entbehren. Ahnteder kunstsinnigeLord denganzenUmfang
seines Raubs‘/Gern hätte man ihm die Goldelfenbein-Statue
gegönnt, die überall am Platz war und sicher englischem
Geschmack besser entsprochen hätte. Nicht der prun-
kende Koloß in der Vorratskammer, sondern das drei-
eckige Auge in der Stirn des Tempels war das Heiligtum
und krönte Akropolis und Griechenland. Man könnte die
Engländer für diese „Rettung“ hassen. Byron, der von

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