Österreichisches Archäologisches Institut [Hrsg.]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 2.1899

Seite: 1
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/oejh1899/0286
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
BEIBLATT

Iter Tridentinum.

Im 31. Capitel des 3. Buches der Langobarden-
geschichte erzählt Paulus diaconus den großen im
Einverständnisse mit dem Kaiser unternommenen
Einfall der Franken in Italien vom Jahre 59°' Er
berichtet im engsten Anschlüsse an seine Haupt-
quelle für alle fränkischen Angelegenheiten, Gregor
von Tours, vom Frankenherzoge Olo, der vor Bel-
linzona (ad Bilitionis castrum) fiel, während Auduald
mit sechs anderen Herzogen unweit von Mailand
vergebens auf das versprochene kaiserliche Hilfsheer
wartete und Cedinus mit 13 anderen die „linke Seite
Italiens“, d. h. also, von Norden aus betrachtet, den
Osten, überfiel, fünf Castelle eroberte und in Eid
nahm. Daran fügt Paulus aus einer uns sonst nicht
erhaltenen Quelle, wie man, unzweifelhaft mit Recht,
allgemein angenommen hat, aus dem Werke des
Secundus von Trient, eines Zeitgenossen der berich-
teten Ereignisse, die folgenden Sätze ein:

Pervenit etiam exercitus Francorum usqueVero-
nam, et deposuerunt castra plurima per pacem post
sacramenta data, quae se eis crediderant nullum ab
eis dolum existimantes. Nomina autem castrorum,
quae diruerunt in territorio Tridentino ista sunt: Te-
sana, Maletum, Sermiana, Appianum, Fagitana,
Cimbra, Vitianum, Bremtonicum, Volaenes, Enne-
mase, et d'uo in Alsuca et unum in Verona. Haec
omnia castra cum diruta essent a Francis, cives uni-
versi ab eis ducti sunt captivi. Pro Ferruge vero
Castro, intercedentibus episcopis Ingenuino de Savi-
one et Agnello de Tridento, data est redemptio, per
capud uniuscuiusque viri solidus unus usque ad soli-
dos sexcentos.1)

Richtig aufgefasst, ist diese Stelle offenbar nicht
nur von rein topographischem Interesse. Paulus und
vollends Secundus haben die Worte castrum, castel-
lum natürlich nicht schlechtweg für jeden beliebigen
Ort gebraucht, sondern nur für befestigte Orte. Und
unter den befestigten Orten werden wiederum die-

J) Ausführlich behandelt u. a. namentlich von B. Malfatti,
I Franchi nel Trentino im Arch. stör, per Trieste etc. H (1883)
310 ff. — Uber die Grenzen der Langobarden nach N. vgl.
auch G. Caumo im Arch. Trent. X 225 ff.

2) Cod. Iust. I 27, 2. Vgl. meine Untersuchungen zur

Jahreshefte des österr. archäol. Institutes Bd. II Beiblatt.

jenigen nach dem Sprachgebrauche der spätrömischen
Zeit vor allen als castra oder castella bezeichnet, die
zum Befestigungssysteme einer Grenzmark, eines
limes, gehören, ohne doch Hauptorte eines solchen
zu sein. Nicht der dux, der Oberbefehlshaber, resi-
diert in den castra, sondern dessen Untergebene,
tribuni, comites od. dgl., mit detachierten kleineren
Abtheilungen. Das Schema für die Einrichtung eines
solchen militärischen Grenzschutzes ist uns in dem
Erlasse K. Justinians an Beiisar2) erhalten, in welchem
die nöthigen Verfügungen für Afrika getroffen wer-
den, und Diehl3) hat, so weit es möglich ist, diese
afrikanischen Marken aus den Ruinen reconstruiert.

In unserem Falle handelt es sich allerdings
scheinbar nicht um römisch-byzantinische, sondern
um langobardische Festungen; aber nur scheinbar.
Denn es ist vollständig ausgeschlossen, dass die
Langobarden in den ersten 20 Jahren ihres Aufent-
haltes in Norditalien eine halbwegs umfassende
Bauthätigkeit entfaltet haben. Bevor sie nach Italien
zogen, Krieger und Abenteurer, die nur vorüber-
gehend ein sesshaftes Leben kennen gelernt hatten,
vertrauten sie im Kriege auf die ungeregelte Kraft
ihres Angriffstoßes und hatten weder Zeit noch Ar-
beitskraft und Geschicklichkeit, um von den Römern
die Kunst zu erlernen, für die Dauer bestimmte
Bauten aufzuführen. In Italien aber, dessen Be-
setzung anfänglich nicht nach einem festen Plane
vorgenommen wurde, nisteten sie sich in den festen
Plätzen ein, die sie den Römern abnehmen konnten,
legten aber nirgends neue Städte und Festungen an.
Wenn König Authari sich hinter die festen Mauern
von Ticinum zurückzog, so benützte er zu seinem
Schutze die Befestigungswerke der Römer, Theo-
derichs und Narses’. Nicht anders versuchten die
langobardischen Herzoge an den nördlichen Grenz-
marken Italiens sich gegen die Franken in den Castellen
zu schützen, welche hauptsächlich von Narses ange-

Geschichte der byzantinischen Verwaltung in Italien (1889)
52 ff.

3) Ch. Diehl, L’Afrique Byzantine. Histoire de la domi-
nation Byzantine en Afrique. Paris, Leroux 1896 — nament-
lich 138—299.

I
loading ...