Prähistorische Blätter — 6.1894

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Ausgrabungen und Funde.

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dass sie aus römischen Motiven: dem Löwen oder dem
Greifen (Drachen) sich entwickelt haben.

Gegen das Ende des VIII. Jahrhunderts hörte bei den
Nationen des Continents die Sitte auf, die Todten mit ihreu
Waffen und Schmucksachen zu begraben, weshalb sich nacli
dieser Zeit keine Spur der Thierornamentik der merowin-
gischen Periode mehr findet. Denn von der folgenden Epoche
besitzen wir nur kirchliche Kunsterzeugnisse. Die Kunst
aber, mit welcher wir uns hier beschäftigten, scheint nie-
mals zur Auschmückung christlicher Cultusgegenstände ver-
wendet worden zu sein.

In Scandinavien herrschten das Heidenthum und seine
Gebräuche noch mehr als zwei Jahrhunderte fort, so dass
es erklärlich ist, wenn wir oft auf Schmucksachen aus
den Gräbern der Wikingerzeit ornamentale Thierfiguren fin-
den, die nach den gleichen Prinzipien, wie die Schlangen-
thiere der vorhergehenden Periode, dargestellt sind.

Ausgrabungen und Funde.

In versckiedenen Höblen der Dordogne hat Emi'l Riviere neuer-
dings neben Thierresten, Feuerstein- und Knochengeräthen auch einige
Kunster zeugnisse der Dilu vialnrenschen gefunden. Eine der
Höhlen von Les Combarelles enthielt das Schulterblatt eines Wiederkäuers,
auf das inmitten von etwas wirren Strichen Rennthiere eingravirt sind. In
der Rey-Höhle fanden sich gravirte und geschnitzte Knochen, namentlich
zwei Wiederkäuerrippen, welche die Form von Fischen zeigen, in dem
Körper und Kopf des Thieres eingravirt, Fiossen und Schwanz aber ge-
schnitzt sind. Die berühmte Höhle von Cro-Magnou ergab neben einem
KDOchenstück mit eingeritzten Strichen, wie soiche auch in der Rey-Höhle
gefunden wurden, eine 24 cm lange Rippe, die an einem Ende abgerundet
war und deren beide gleichfalls abgerundete Känder in ziemlich regel-
mässigen Abständen Kerbeinschnitte trugen; ferner einen Schneidezahn von
einer grossen Pferdeart, der eine Durchbohrung zum Aufhängen besass und
auf der ganzen Oberfläche mit zahlreichen eingeschnittenen Strichen be-
deckt war.

Auf dem TJrnenfriedhofe bei Hammoor wurden von dem
Custos des Museums vaterländischer Alterthümer in Kiel, Herrn Splieth,
reichlich 50 Urnen blossgelegt, von denen 16 in mehr oder weniger gutem
Zustande geborgen wurden. Der betreffende Urnenfriedhof erstreckt sich
über eine Fläche von ca. 1800 Quadratmetern; näher untersucht wurden
nur 28 Quadratmeter. Man schätzt die Zahl der auf jenem heidnischen
Friedhof beigesetzten Urnen auf mehrere Tausend. Alle Urnen sind mit
Steinen dicht umsetzt; an einer Stelle fand man acht Urnen unmittelbar
neben bezw. über einander. Unter den ausgegrabenen Urnen ist die für
die Alterthumswissenschaft interessanteste ein ca. 40 cm im Durchmesser
und 30 cm hohes Gefäss aus geti'iebener Bronze, das obon mit einem
eisernen Kande versehen ist, an dem sich zwei Ringe zum Anfassen be-
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