Prähistorische Blätter — 6.1894

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Versamnihingen uud Vorträge. Versehiedenes.

für Kunst- und historische Denkmale. Wien, 1894. K. K. Cen-
tral-Commission f. Kunst- und histor. Denkmale. 8°. V, 71 S.

Weinzierl, R. von. Eine n eolithisohe Ansiedelung der Ueber-
gangszeit bei Lobositz a. d. Elbe. Mit Textabbiidungen. (Aus
der „Zeitschrift für Ethnologie“. Berlin, 1894.)

Versammlungen und Vorträge.

In der central- und ostasiatischen Section des orientalischen
Congresses in Genf erstattete Heri' JRad 1 off Bericht iiber seine im
Jahre 1891 unternommene Expedition nach der Mongolei, specielll zum
Orkhon-Flusse, siidlich vom Baikalsee. Die durch diese Expedition ge-
machten Funde scheiden sich in prähistorische, in solche aus der Zeit des
Tu-kiue- Volkes, in uigurische und in chinesisch-tibetisch-mongolische aus
der eigentlich mongolischen Zeit. Was die Entzifferung der den Runen
ähnlichen Schrift anlangt, in welcher die Tu-kiue-lnschriften gefasst sind,
so ist diese dem Professor Thomsen in Kopenhagen in Folge eines staunens-
werth scharfsinnigen Gedankenganges geiungen; aber auch Radloff selbst
hatte einige Zeichen bereits richtig geleseu und gab sogleich nach der Ver-
öffentlichuug des von Thomsen festgestellten Alphabetes eine Uebersetzung
der betreffenden Inschriften. Ausser diesen übersetzte er in der Sitzung
der Section eine Anzahl Inschriften mündlich. Der Inhalt bezieht sich
theils auf wichtige historische Verhältnisse, theils auf Jagdcrlebnisse und
andere harmlosere Dinge, der Ton ist bald naiv bis zur Kindlichkeit, bald
macht sich ein hoher poetischer Schwung bemerkbar. Wohl noch weit
wichtiger als die historisch-literarische Ausbeute wird die sprachliche sein.
Denn diese Inschriften stellen die ältesten Denkmäler des ganzen türkischen
Sprachstamm.es dar und sind als solche nicht nur für dessen Erforschung
sondern auch für die der gasammten ural-altaischen Sprachengruppe von
besonderer Tragweite. Die grösste Bedeutung aber dürften die Inschriften
für die Erweiterung unserer Schriftkunde haben, gleichviel ob sich Radloff’s
Annahme eines semitischen Ursprunges dieser runenartigen Schrift bestätigt
oder nicht. So reiht sich denn dieso neue grossartige Entdockung und Ent-
zifferung ein in die grosse Reihe der in den letzten Jahren in Central- und
Ostasien gemachten paläographisch und damit auch kulturgeschichtlich so
hochbedeutsamen Funde, die uns, indern sie die alten Fragen beantworten,
immer wieder vor neue Probleme stellen, deren endgiltige Lösung uns die
a 11 e Geschiohte des gesammten 0 r i e n t s vielleicht einstmals in
völlig verändertem Lichte zeigen wird. Dass aber die Steppen der Mongolei
auch Denkmäler enthalten, welche die neuere Geschichte in bedeutsamer
Weise aufzuhellen geeignet sind, dafür lieferte ein Vortrag des Referenten
über die gleichfalls von der ßadloff’schen Expedition aufgefundenen tibetisch-
mongolischen Inschriften von Tsagkan Baisching in der nördlichen Mongolei
einen sprechenden Beweis. Diese geben manuigfaltige und wichtige An-
deutungen über Personen und Verhältnisse, die in der Religions- und po-
litischen Geschichte der Mongolen und Tibeter eine hervorragende Rolle
gespielt haben. Sie sind aber auch noch in anderer Hinsicht von grosser
Wichtigkeit: sie können, da sie.selbst unzweifelhaft autheutisch sind, dazu
dienen, diejenigeu Geschichtsquellen, deren Darstellung mit ihren Angabeu
nicht übereinstimmt, als historisch unglaubwürdig zu enveisen.

Verschiedenes.

Die Berlin er G e s e 11 s c h a f t für A n t h r o p ol o g i e , Eth-
nologie und Urgeschichte feierte am 17. November 1. J. das
25jährige Jubiläum ilires Bestehens durch eine Festsitzung. Wir senden,
wenn auch nachträglich, der verehrten Gesellschaft unsere aufrichtigsten
und herzlichsten Glückwünsche zu diesem bedeutungsvollen Ereignisse.

Verlag und Redaction von Dr. Jul. Naue in München, Promenacleplatz 6.

Commissionsverlag der 1 i t ter ar i sch-ar t i s t i s c h e n Anstalt
(Theodor Riedel) in München, Prannerstrasse 13.
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