Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse [Editor]
Die Weltkunst — 5.1931

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20. DEZEMBER 1931

V. JAHRGANG, Nr. 51/52

D I E

DAS INTERNATIONALE ZENTRALORGAN FÜR KUNST / BUCH / ALLE SAMMELGEBIETE UND IHREN MARKT


Erscheint jeden Sonntag im Weltkunst-Verlag, G. m. b. H.,
Berlin W62, Kurfürstenstr. 76-77. Telegramm-Adresse: «Weltkunst Berlin».
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Herausgeber Dr. J. I. von Saxe

Man abonniert beim Verlag, bei der Post oder bei den Buchhändlern.
Einzel-Nummer 50 Pfennig. Quartal für Deutschland inklusive Postzustellung
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slowakei Kc 45; Frankreich und Belgien fr. Frs. 35; Holland hfl. 3,25: Eng-
land £ /5/6; Schweiz und die nicht angeführten Länder sfrs. 7; Übersee $ 1,50

WERTHEIM: das biblographikon
Berlin ws, leipziger str. Alte Graphik Seltene Biicher Moderne Kunst


sich dem Charakter eines jeden Gebietes anzu-
passen. Kann man die Zeugnisse der Prä-
historie ohne weiteres als soziologisches Lehr-
material verwenden, verlangt die Ikone zu
ihrem Verständnis ergänzend Kopien, Photo-
graphien, Landkarten, Statistiken, so gebieten
die Säle des französischen Absolutismus, der
bürgerlichen Kultur, der Aufklärung eine Auf-
stellung ohne jede außerkünstlerischen Zu-
taten, eine Aufstellung, die unter Verwendung
der unerhört reichen Schätze an Bildern,
Stichen, Möbeln, Kleinkunst so systematisch,
klar und überzeugend sein muß, daß jeder die
Besonderheit von Zeit und Kunst sofort emp-
findet. All diese Leistungen sind außerordent-
lich beachtlich, auch von der ästhetischen Seite
her. Der Kunsthistoriker ist hier nicht allein
am Werke, ihm stehen beratend Nationalöko-
nomen und Künstler zur Seite. Demnächst soll
die Neuaufstellung der großen Säle und Kabi-
nette mit Spaniern und Italienern in Angriff
genommen werden.
Eine besondere Aufgabe kommt der Be-
schriftung zu. Die Wichtigkeit ausführlicher
Kommentare zu jedem Werk hat man längst
erkannt. Hierin liegt ein Wirkungsmoment
beschlossen, über das man sich bei uns kaum
irgendwo im klaren ist. Betrachtet man Museen
nicht nur als Pflegestätten gelehrter Bildung
einer privilegierten Oberschicht, sondern räumt
man ihnen wirklich die Aufgabe ein, breitesten
Volksschichten erzieherische Werte zu vermit-
teln, so kann man nicht umhin, auch das ein-
zelne Objekt durch ausreichende Beschriftung
gebührend zu erläutern.
Der Publikumserfolg gibt den Russen Recht.
Die Museen weisen eine ganz außerordentlich
hohe Besuchsziffer auf. Im übrigen versucht
man auch den einzelnen zu aktiver Mitarbeit
heranzuziehen. In sämtlichen Sälen der Museen
sind Kästen aufgestellt, in die jeder Besucher
Zettel mit Fragen und Anregungen einwerfen
kann. Es wurde mir gesagt, daß man hier ge-
legentlich recht brauchbare und anregende Be-
merkungen findet.
Wie bei uns gibt es zwei Kategorien von Be-
suchern: die Einzelgänger, die relativ zahlreich
sind, und die in Massen Geführten. Ohne von
einem Einzelfall, den ich kontrollieren konnte,
unbedingt auf alle schließen zu wollen, darf
man doch wohl sagen, daß die Führungen —
soweit sie nicht die Beamten der Museen selbst
übernehmen — auf niedrigem Niveau stehen.
Was den Leuten da geboten wird, ist, wie es
scheint, ein primitives Gemisch von westlicher
visuell-ästhetischer Betrachtungsweise mit
plattem Marxismus.
Einen besonderen Sektor des Museums-
wesens bilden die Schlösser. Sie sind in ihrem
ursprünglichen Bestand konserviert und
machen einen vorzüglich gepflegten Eindruck.
Hier gibt es naturgemäß nur Führungen, keine
Einzelbesuche. Daher wurde auf Beschriftun-
gen verzichtet. Die Führungen scheinen in den
Schlössern aber in Händen von Fachleuten
(Studenten usw.) zu liegen und sind offenbar
wesentlich besser als in den Museen.
In das Gebiet der Denkmalspflege gehört
der Neuanstrich, mit dem man seit einigen
Monaten die wichtigsten Straßenzüge und alle
historischen Bauten Leningrads versieht. Es
wird versucht, den alten Palästen ihre ur-
sprüngliche Farbe wiederzugeben, und in den
meisten Fällen hat man eine glückliche Hand
gehabt.
Man sollte bei unseren Versuchen, die Mu-
seen von innen heraus zu beleben, nicht an dem
vorübergehen, was heute in Rußland geschieht.
Es besteht kein Zweifel, daß die Russen eine

YORK

WELTKUNST-VERLAG

Museumspolitik
in Rußland

Von Dr. Rudolf Wittkower

Aber lassen wir die bisher geleistete Arbeit
für sich sprechen! Relativ einfach war die
Durchführung des soziologischen Prinzips bei
den Objekten der Prähistorie, die sich zu einer
beispielhaften Darstellung der Differenzierung
des Werkzeugs, der Arbeit usw. vorzüglich
eignen. Weit schwieriger gestaltet sich die

Aus rein technischen Gründen sind wir der
Feiertage halber außerstande gesetzt, am
27. Dezember eine Nummer herauszubringen.
Wir sehen uns daher gezwungen, die heutige
Nummer als Doppelnummer 51 und 52 er-
scheinen zu lassen.
Der neue VI. Jahrgang der WELTKUNST
beginnt mit Nr. 1 vom 3. Januar 1932.

klassige Bambocciaten, so bringt man Dinge
zusammen, die in keinem kausalen Verhältnis
zueinander stehen. Die Staatsmacht schreckt
zur Erreichung des Fünfjahresplans vor kei-
nem Mittel zurück, und macht, so bedauerlich
es ist, auch nicht vor den Schätzen der Museen
halt, wenn ihr Verkauf reichen Valutasegen

BRUMM

Krise der Kunst — zu diesem Thema von
höchster Aktualität haben sich prominente
Wortführer seit etwa einem Jahr an dieser
Stelle geäußert. Es lohnt sich, in diesem Zu-
sammenhang ein Wort über die russische Situa-
tion zu sagen. Die faszinierenden bildlichen
Darstellungen (Photographien, Photomontagen,
Kombinationen von Schrift und Bild) der Re-
volutionsideen, denen man überall in den Kul-
turhäusern, Theatern und Museen, auf Stell-
wänden, an Mauern in den Korridoren begeg-
net, sind die Kultbilder des neuen Rußland. In
jenen Darstellungen hat sich die kollektivisti-
sche Kultur der Sowjets ein bildkünstlerisches
Ausdrucksorgan von unerhörter Einprägsam-
keit und suggestiver Durchschlagskraft ge-
schaffen. Hier entfaltet sich ein ungeahnter
Reichtum an Ideen und künstlerischen Mög-
lichkeiten. Mit einem Wort: diese Kunst ist
soziologisch und ideell bedingt, ohne den
marxistischen Unterbau ist ihre Existenz un-
vorstellbar und sinnlos. Hier gibt es keine
Krise, weil man diese Kunst — braucht. Tafel-
malerei und Plastik befinden sich, soweit ich
sehe, in einem desolaten Zustand. Beide Gat-
tungen sind ihrer soziologischen Struktur nach
Produkte vornehmlich bürgerlich-individualisti-
scher Epochen. Sie scheinen langsam abzuster-
bem Aber die Entfaltungsmöglichkeit schöpfe-
rischer Kräfte in den Bezirken jener neuen
Gattungen ist unbegrenzt. So hat man die
westliche Spaltung: hie Leben — hie Kunst
weitgehend annulliert, wenn auch auf Kosten
gerade derjenigen Ausdrucksformen unserer
Welt, um welche die Diskussion geht.
Diese neue Einheit von Kunst und Leben
ist auch das natürliche Fundament der russi-
schen Museumspolitik, die ich bei einem kur-
zen Aufenthalt in Leningrad vor wenigen
Wochen studieren konnte. Der Grundgedanke
der Museumsreform besteht darin, den spezifi-
schen Charakter eines jeden Werkes aus der
jeweiligen soziologischen Situation verständlich
zu machen. Man geht an diese Arbeit mit gro-
ßem Verantwortungsgefühl und im vollen Be-
wußtsein ihrer unerhörten Schwierigkeit.
Nicht selten hört man heute, daß in Ruß-
land Kunst nur gelte, sofern sie sich ohne wei-
teres als soziologisches Anschauungsmaterial
verwenden lasse. Wenn zur Stützung dieser
These die Kunstverkäufe der Sowjets ange-
führt werden und begründet wird: die großen
Qualitäten Velasquez, Rembrandt usw. brauche
man ja nicht mehr, da sie soziologisch unergie-
big oder zum mindesten bedeutend weniger er-
giebig seien als Jan Steen, Teniers und dritt- |

NEW

,h Street

Aufstellung europäischer Kunst. Bisher ist die
Neuordnung eines Teilgebietes nationalrussi-
scher Kunst, der mittelalterlichen Ikone, im
Russischen Museum vollendet, und die Unzahl
der Säle mit den Werken der französischen
Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts im ersten
Stock des der Eremitage angeschlossenen ehe-
maligen Winterpalais' wird in Kürze eröffnet
werden. Diese Neugestaltungen beweisen be-
reits, daß man nicht hach einem starren
Schema verfährt, sondern daß man es versteht,

des Dogen Andrea Vendramin
Frick, New York
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