Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse [Editor]
Die Weltkunst — 12.1938

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DIE WELTKUNST

Jahrg. XII. Nr. 30/31 vom 31. Juli 195t*

MARIA ALMAS
München • Ottostrasse 1b

Gemälde erster Meister des 15. bis einschließlich 19. Jahrhunderts
Antiquitäten »Einrichtungen des 18.Jahrhunderts
ANGEBOTE ERBETEN

nach den Niederlanden brachte. Zum großen
Teil ist es eine Rückkehr der Werke in die
Heimat, denn auf die Werke der großen und
kleinen Niederländer — wie viele Kleine aber
groß waren, zeigt gerade diese Ausstellung —
richtet sich naturgemäß das Interesse des nie-
derländischen Sammlers vor allem; jedoch fehlt
es keineswegs an guten Werken anderer
Schulen.
So ist es fast überraschend, wie gut neben
vortrefflichen alten Niederländern die deutsche
Schule des 16. Jahrhunderts hier vertreten ist.
Von ersteren wäre der (bereits in Nr. 26/27 ab-
gebildete) Turmbau zu Babel des Bauern-
bruegel zu nennen, der dieses Thema, wie uns
das „Schilderböeck“ berichtet, zweimal malte,
„een groot stuck wesende“ und noch „een der
selver Historie, cleen“, beide im Besitze Kaiser-
Rudolfs II. Ein imponierendes Männerbildnis
von Jan Gossaert kennt man schon von der
Bosch-Ausstellung, ein durchdringend ein-
faches, von der Hand Adriaen Key’s, sieht
man zum ersten Male. Das Boymans-Museum
selbst kann den voriges Jahr erworbenen
Meister des Johannes-Altars zeigen. Ein aus-
gezeichnetes Männerbildnis, das Jan van Scorel
mit Anklängen an Jan Corn. Vermeyen zuge-

HansWimmer, München, Bronzebüste Geh.Rt. Vossler
Große Deutsche Kunstausstellung,
München (Bericht in Nr. 28/29) (Foto Ausst.-Ltg.)


schrieben wurde, wird hier unter dem Namen
des letzteren geführt.
Von deutschen Meistern sind ebenfalls vor-
allem Männerporträts zu nennen, so von Hans
Baldung Grien und von Burgkmair; auch von
Jacopo de’ Barbari, dem Meister des wunder-
vollen Augsburger Stillebens, hängt hier ein
Porträt Herzog Rupprechts von Mecklenburg,
des Friedfertigen; ein eindrucksvolles Bildnis
des Frankfurter Bürgermeisters Claus Stal-
burg, von der Hand Conrad Fabers von Creuz-
nach, wird man nicht leicht in einer hollän-
dischen Sammlung vermuten. Der ältere Cra-
nach ist mit vier charakteristischen Werken
aus verschiedenen Schaffungsgebieten ver-

treten. Von Dürer sieht man das einzige in
holländischem Besitz befindliche Werk, die
Heilige Familie (früher Sammlung von Schwa-
bach) und ebenso fehlt der einzige Matthias
Grünewald, das schon von Sandrart beschrie-
bene Kreuzigungsbild, nicht.
Mit einem Goya, einem spiritualistischen
Greco und einem guten Stilleben Velasquez’
ist die spanische Malerei, bescheiden an der
Zahl, doch hoch an Qualität, vertreten. Von
den zahlreicheren Italienern erhöhen Werke
wie der Botticelli, der Benozzo Gozzoli, Moroni
und Tintoretto und ein Tizian (Bildnis des
kleinen Prinzen Sebelloni mit einem großen
Hunde) neben anderen den Durchschnitt.
Holländische Meister des 17. Jahrhunderts
über wiegen . Da Werke, die erst in aller jüng-
ster Zeit auf anderen Ausstellungen zu sehen
waren, nur mit wenigen Beispielen gezeigt
werden (z. B. Hals), konnten andere besser zu
ihrem Recht kommen. So ist ein 'sonst etwa
mit dem Worte „liebenswürdig“ oder „gemüt-
lich“ abgetaner Meister wie Adriaen van
Ostade ungewöhnlich gut vertreten. Drei
Bilder wie das große „Dorfwirtshaus in einer
Landschaft“ (früher Holford, London), der
..Leiermann“ und das ganz einzigartige Stil-
leben „Die Pumpe“ sind Höhepunkte nicht
nur im Schaffen dieses Meisters, sondern der
holländischen Kunst. Vielseitig und gut ist
auch Jan Steen vertreten. „Wie gewonnen, so
zerronnen“, ein „Dreikönigsabend“, ein psy-
chologisch scharf erfaßtes Stück „Der Wein
ist ein Spötter“, sind Meisterwerke, denen auch
„Der Betrogene“ und die Anbetung der
Hl. Drei Könige nicht viel nachstehen. Von
Terborch findet man selten auf einer Aus-
stellung vier Stücke, worunter solche Quali-
täten wie „Der Brief“ (früher Hüldschinsky)
und das Porträt des Grafen Penaranda aus
der Sammlung Warneck. Für einen Quadrat-
zentimeter dieses winzigen Bildchens (12X9 cm)
zahlte man, wie ein Rechenmeister erklügelte,
auf der Versteigerung Warneck in Paris 1926
nicht weniger als 2000 frs. (die damals über
anderthalbmal so viel wert waren wie heute;
Gesamtpreis 170 000 frs.). Noch höher (gegen
240 0'00 frs.). war der Preis für ein anderes
kleines Wunderwerk, das hier ebenfalls ge-
zeigte Kücheninterieur Kaiffs’, auf derselben
Versteigerung. Immer wieder entzückt das
Stilleben mit der Mingschale und dem vene-
zianischen Weinglas desselben Meisters. Sein
Antipode van Beyeren ist mit vier Werken gut
vertreten, darunter dem Blumenstück und dem
kleinen Stilleben, die mit der Sammlung
Stroefer voriges Jahr versteigert wurden. Zwei
von den fünf Werken Aelbert Cuyps könnten
die alte Cuyp-Calraet Streitfrage wieder auf-
leben lassen: der- vortreffliche „Winter an der
Merwede“ und der „Blick auf die Merwede“
sind nämlich mit jenem kleinen AC gekenn-
zeichnet, das Bredius, der Entdecker . Calraets,
als dessen Monogramm in Anspruch nahm.
Heute steht auch er nicht mehr auf dem Stand-
punkt, daß jedes AC monogrammierte Stück
ein Calraet ist; es ist möglich, daß Cuyp auch
AC signierte, bis er bemerkte, daß sein Nach-
ahmer Abraham Calraet sich desselben Mono-
gramms bediente. Der „Segen Tobias und
seiner Braut“ und ein „König Belsazar“ können
dem letzten und treuesten Rembrandt-Schüler,
Aert de Gelder, neue Freunde gewinnen. Die
zur Schau gestellten van Goyens sind nicht
gleich hoher Qualität. Ein Stilleben von Gerrit
Willemsz Heda, kürzlich auf einer nicht sehr
bedeutenden Versteigerung verkauft, entpuppte
sich gereinigt als ein Meisterwerk, mit dem
der Sohn die besten Leistungen des Vaters er-
reicht. Die vier Werke van der Heydens
kennt man von der Jan van der Heyden-Aus-
stellung. Ein prachtvoller großer, getragener
Hobbema und zwei kleinere (einer früher bei


Serie der vier Don Quixotte-Tapisserien, signiert Audran. Geschenk der Marie-Antoinette
an Marie Christine von Habsburg. — Bureau-plat Louis XVI, Arbeitstisch Napoleons I. — Savon nerie-
Teppich, bestellt von Marie-Antoinette für den österreichischen Hof. — Ausstellung in der Galerie
Fischer, Luzern (Foto Fischer)


Franz Gervin (Dortmund), Hochofen
Große Deutsche Kunstausstellung, München (Bericht in Nr. 28/29) (Foto Ausst.-Ltg.)

Hüldschinsky) zeigen den Meister im vollen
Besitz seines Könnens, und dasselbe darf von
den beiden Ruysdaels, Jacob und Salomon,
gesagt werden. Ein einzigartiges Juwel ist
der zarte und doch kräftige kleine Paulus
Potter, Frühlingslandschaft mit einem Esel-
chen (früher Holford). Aert van der Neer
scheint sich namentlich als Maler von Winter-
landschaften der Liebe holländischer Sammler
zu erfreuen. Von Rembrandt werden, mit Aus-
nahme der kostbaren Neuerwerbung des Boy-
mans-Museums, des Mannes mit der Roten
Mütze, namentlich Frühwerke gezeigt, worun-
ter sein bekanntes Bildnis Maerten Lootens,
das, gereinigt und vom Schimmer des alten
Firnis befreit, ganz anders als früher wirkt.
Des eindrucksvollen Hercules Seghers’ (Tal der
Maas) wird sich mancher noch aus der Samm-
lung James Simon erinnern. Willem van de
Capelle und Willem van de Velde fehlen
natürlich nicht.
Den Flöhepunkt der Ausstellung bildet der
neue Vermeer (Abb. Nr. 47/1957 u. Nr. 9/1958):
Christus und die Jünger zu Emaus. Ein
ergreifenderes Bild hat auch Rembrandt
nie gemalt, und wie er mit sattem Rot

und reifem Gold, erreicht Vermeer mit an
kostbares Limoges-Emaille gemahnendem Bla11
und mit Zitronengrün und Grau eine Wirkung-
die selbst ein nicht religiöses Gemüt bezwin-
gen muß.
Die großen Flamen sind mit den zahl-
reichen Rubens, die als Geschenk oder Leih-
gaben im Boymans hängen und einigen weite-
ren Stücken des Meisters sowie mit einigen
guten Brouwers (worunter „Die Freunde >
nämlich Mann und Hund, und dem „auf-
blickenden Bauer“), ferner mit einem liebens-
würdigen Werk Siberechts und einem nicht
ganz vollendeten Meisterwerke SustermatiS
nach Gebühr vertreten; nur van Dyck kau11
mit einem einzigen Damenbildnis bei weiten1
nicht nach Gebühr gewürdigt werden.
Von den großen .Franzosen des Di*'
Huitieme fehlt kaum einer. Sie sind außerdem
unter den mehr als 200 Zeichnungen, unter
denen ein Drittel Porträts und Studienköpf6
aus der Sammlung F. Lugt, reich vertreten-
Deren, auch nur katalogisierende Aufzählung
würde aber den Rahmen dieses Artikels spren-
gen, der nur andeuten, nicht beschreiben, nu1’
zum Besuch ermuntern und anregen soll.

Alte Meister in Köln

Die neue Ausstellung im
Kunstbaus Mal m e-
d e bietet wieder eine
reiche Auswahl von Ge-
mälden und Plastiken
bester alter Meister.
Thematisch und formal
gleich interessant sind
die beiden Erschaffungs-
bilder des XV. Jahr-
hunderts von der Hand,
eines alpenländischen
Meisters. Die romani-
stische Phase der alt-
niederländischen Malerei
verkörpert in bester
Form eine signierte und
1560 datierte Madonna
mit musizierenden. En-
geln vom Michiel Coxie.
Von dem wichtigsten Re-
präsentanten der Ueber-
gangszeit in der nieder-
ländischen Landschafts-
gestaltung — Gillis van
Coninxloo— ist ein fröh-
liches Picknick im Walde
mit reichen Schloßbauten
im Flintergrunde, ausge-
stellt. Sein Biograph
Karel van Mander ist mit
einer leuchtenden, sig-
nierten und 1600 datier-
ten Kupfertafel vertreten
(s. Abb. in Nr. 26/27).
Gleich bezeichnend für
diese Uebergangszeit ist
eine kleine Landschaft


Govaert Flinck, Damenbildnis
Ausstellung: Kunsthaus Malmede, Köln a. Rh. (Foto Malm®°e

mit Staffage von Joos de Momper. Die Ver-
wirklichung echter lebensnaher Menschendar-
stellung führt uns in guten Beispielen vor
Augen: ein reizendes Kinderköpfchen von
Jacob Gerritsz Cuyp, ein Damenporträt von
Ravesteyn von 1625, ein lebenswahres Frauen-
bildnis von Govaert Flink (siehe Abbildung)
aus dem Jahre 1655. in weichen warmen
Tönen gemalt, und endlich ein bezaubern-
des Mädchenbild von Ferdinand Boi, voll
signiert und 1651 datiert. Als einziger
Vertreter der italienischen Malerei sei
ein feines, sorgfältig ausgeführtes Bild von
Bonifazio Veronese erwähnt, dessen Thema

„Konzert im Freien“ in Konzeption wie AllS
führung besonders anspricht.

Kunsfdenkmäler
Aschaffenburg
Die Stadt Aschaffenburg zeigt in den
Räumen des ehemaligen Kapitelhauses nein
der gotischen Stiftskirche erstmals ihre
haltenen Kunstschätze in einer geschlossen
Schau, die Denkmäler aus zehn JahrhundeHU
darunter Grünewalds Grablegung Chi’Ib
vereinigt.
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