Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse [Editor]
Die Weltkunst — 12.1938

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DIE WELTKUNST

Jahrg. XII, Nr. 40/41 vom 9. Oktober 195$


AI b rech t A I td orf e r, Ausschnitt aus einem Flügel des Altars von St. Florian
1518. Aus der Altdorfer-Ausstellung in der Staatsgalerie,
München. (Bericht in Nr. 20/21) (Museums-Foto)

1 landschriften und Drucken, Graphik und
Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts vor
allem alte Städteansichten und eine ausge-
wählte Sammlung von Handzeichnungen des
Romantiker- und Nazarenerkreises umfaßt.
Aus Hamburg liegt die Nachricht von der
ersten Herbstversteigerung bei Dr. E. Haus-
wedell & Co. vor, die neben alten und
neuen Büchern Graphik des 18. und 19. Jahr-
hunderts aufweist.
Neuerwerbungen des
Viktoria- und Albert-
Museums in London
Dokumentarisches Material von gewisser-
maßen historischer Bedeutung wurde in den
letzten Wochen mit Unterstützung von Freun-
den der Nationalbibliothek, der National-Gale-
rie und der Nationalen Porträt-Galerie für das
Viktoria- und Albert-Museum, in London er-
worben, bei dem es sich um Teile aus dem
Nachlaß des Malers Sir Thomas Lawrence han-
delt. Die Sammlungen umfassen ein Buch mit
204 Empfangsbestätigungen für Porträts, die

zur Zeit des Ablebens
des Künstlers bei ihm
im Auftrag waren, und
für Kunstwerke, die er
verliehen hatte; 35 Briefe
mit Forderungen für
Bildnisse; ein Buch mit
Forderungen, zusammen -
gestellt durch seinen
Testamentsvollstrecker
Keightley sowie dessen
Rechnunglegung, und
C hristie’s mit Preisen und.
Anmerkungen versehene
Kataloge, Lawrence’s Be-
sitztum aus den Ver-
käufen in den Jahren
1850 bis 1852. Die Samm-
lung ist deshalb beson-
ders bedeutsam, weil sie
Aufschluß gibt über den
unvollendeten Zustand
vieler Bildnisse, die sich
zur Zeit des Ablebens des
Meisters in seinem Ate-
lier befanden.
Nicht weniger als
vierzehn Porträts von
König Georg IV. hat
Lawrence gemalt, für
deren jedes er 500 Gui-
neas (6500 Mark damali-
ger Währung) bekam
und die für verschiedene
englische Kolonien und
auswärtige Gesandtschaf-
ten bestimmt waren.
Keightleys sehr sorgfäl-
tige Buchführung zeigt
sich auch in den Eintra-
gungen von Bezahlungen
an Gehilfen für Beendi-
gungen von Porträts.
Eine andere wertvolle Erwerbung des Mu-
seums ist die Marmorfigur eines Engels der
Verkündigung aus dem 14. Jahrhundert. Er
ähnelt zwei Gestalten vom Südtor der Kathe-
drale von Arezzo und ist daher wahrschein-
lich von derselben Hand dieses Sieneser Künst-
lers, möglicherweise Giovanni d’Agnolo, der
um 1550 mit Agostino und Agnolo di Ventura
das Denkmal des Bischofs Tarlati in derselben
Kathedrale von Arezzo anfertigte. Die Neu-
erwerbung ist umso wertvoller, als italienische
Skulpturen aus dem 14. Jahrhundert nur noch
selten auf den Markt außerhalb Italiens
kommen.
Unter den weiteren Erwerbungen ist außer
der bunten Kreidezeichnung Lord Rivers und
seiner Gattin von Gainsborough ein Album mit
Oelstudien des Venezianer Malers aus dem
18. Jahrhundert, Luca Carlevaris (1665—1731),
zu nennen.
Berliner
Ausstellungschronik
Ausgezeichnet gewählte und in ihrem Be-
stand gut abgewogene Kollektionen von
Malern und Bildhauern wurden von der Aus-
stellungsgemeinschaft Zehlen-

dorfer Künstler in Verbindung mit der
Deutschen Arbeitsfront NSG. „Kraft durch
Freude“ zu einer recht eindrucksvollen Herbst-
schau im Zehlendorfer Rathaus vereinigt.
Hans Sauerbruch, der mit Landschaften,
Bildnissen und Zeichnungen vertreten ist, ge-
hört zu den jüngeren dieses Kreises. Sein
eigenartiges Verhältnis zu den Farben, die bei
ihm nicht nur den über den Dingen liegenden
bunten Abglanz, sondern auch das Wieder-
klingen von Empfindungen geben, läßt auf-
merken. In seinen leise romantisch gefärbten
und stark gefühlsbetonten abendlichen Land-

schaften ist die Frische unmittelbarer Ein'
drücke gewahrt geblieben. Das sie erfüllende
beruhigende Raumgefühl ist auch bei A d o 11
S a e n g e r anzutreffen, der immer wieder das
durch Bäume und Wälder gegliederte und be-
grenzte Siegerländer Land darstellt. In Figu"
renstücken hebt er die Existenz naturverbun-
dener Menschen ohne jede Pathetik ins Bild-
liche. Wie er, kommt auch Paul Paeschk®
vom Zeichnerischen her. Aber die Licht- und
Farbenelemente geben doch in seinen schön
geschlossenen Bildern aus Berlin und seiner
seenreichen Umgebung die entscheidenden Wir-

Die deutsche Abteilung der
Dresdner Gemäldegalerie

Tn den stilvollen Erdgeschoßräumen des
Semperschen Galeriegebäudes am Zwinger ist
seit kurzem, wie hier bereits erwähnt, der Be-
sitz an Werken älterer deutscher Malerei ver-
einigt worden. Die Raumverhältnisse der
Dresdner Galerie brachten es mit sich, daß die
Werke der einheimischen Malerei bisher stets
zwischen den ihr mehr oder weniger wesens-
fremden Schulen europäischer Kunst eingefügt
bleiben mußten und infolgedessen in ihrem
eigentümlichen nationalen Charakter nicht zur
Geltung gelangten. Dem Besucher konnte es
kaum bewußt werden, daß die Dresdner
Sammlung außer ihren bekannten Schätzen an
Italienern und Niederländern einen so ansehn-
lichen und bedeutenden Bestand an deutschen
Werken aus allen Jahrhunderten aufzuweisen
hat. Der Laie fand wohl auch, von den klas-

Cranach, der als sächsischer Hofmaler eine
so bedeutsame Rolle im deutschen Kunstleben
gespielt hat.
Jetzt wird der Besitz der Galerie an deut-
schen Malereien zum erstenmal in sich geschlos-
sen und abseits von falschen Maßstäben vor-
geführt. Ein halbes Hundert wertvoller Ge-
mälde, die notgedrungen seit vielen Jahrzehn-
ten in den Vorrat verbannt waren, sind bei
dieser Gelegenheit wieder zur Aufstellung ge-
bracht worden. Die geschichtliche Entwick-
lung führt von den Werken der Spätgotik
durch drei Jahrhunderte: von Albrecht Dürer,
Lucas Cranach und dem jüngeren Hans Hol-
bein über die besonders reich vertretene Ba-
rockzeit bis zu Anton Graff und F. A. Tisch-
bein. Mit dieser Zusammenfassung des Besitzes
an deutscher Kunst von 1500—1800 ist die vor


Cranach-Saal der neu eingerichteten Deutschen Abteilung der Dresdener Gemäldegalerie (Museums-hoto)

sischen Italienern kommend, nur schwer ein
Verhältnis zu altdeutscher, „gotischer“ Kunst,
vor allem auch zu einem Meister wie Lucas

25 Jahren begonnene Neuordnung der welt-
berühmten Dresdner Gemäldegalerie zu einem
gewissen Abschluß gebracht worden. H. P-

Wilhelm Bodes Kunsthändler
Ein Beitrag zur Geschichte des Kunsthandels im 19. Jahrhundert
Von Kurt Karl Eberlein

Noch immer sind die Lebenserinnerungen
bedeutender Persönlichkeiten nicht nur gei-
stige Selbstbildnisse, sondern auch ergiebige
Zeitquellen, aus denen der Historiker zu
schöpfen hat. Wer sich mit der wichtigen
Geschichte des Kunsthandels beschäftigt, wird
deshalb die Denkwürdigkeiten der Museums-
leiter beachten müssen, die leider nicht zahl-
reich sind. Für die Zeit von 1870—1910 sind
die Lebenserinnerungen des unvergeßlichen
Wilhelm Bode (Mein Leben. Berlin 1950.
I. II.) eine Quellenschrift für die Geschichte
des europäischen Kunsthandels, der damals in
London und Paris blühte, in Deutschland und
Italien gerade heranreifte. Wie aber hießen
die Kunsthändler, die damals dem deutschen
Museumsschöpfer — der sie uns schildert —
sein großes Werk ermöglichten und als freund-
liche oder feindliche Gestalten die Meister-
werke der deutschen, niederländischen, italie-
nischen, aber auch der orientalischen Kunst
vermittelten? Wir wollen diesmal von jenen
hören, die nur wenige kennen, nicht von ihm,
den alle kennen.
Der erste Händler, mit dem der aus der
Juristenlaufbahn abgeschwenkte Kunsthisto-
riker 1869 in Berührung kam, war ein kleiner
Berliner Restaurator Louis Schmidt,
bei dem Bode die Unterscheidung und Benen-
nung der kleineren Holländer lernen konnte,
die damals unter drei Sammelnamen „Pala-
medes“, „Goyen“, „Ruysdael“ geordnet wur-
den und die man später im Jargon des Kupfer-
stichkabinets „Abfall der Niederlande“ nannte.
Dann lernte der neue Museumsmann durch
Reisen, Sehen, Kaufen in vielen Ländern, nicht
ohne hie und da auch sein Schulgeld zu be-
zahlen. Noch ehe er seinen Dienst bei den
Kgl. Museen antrat, konnte er bei dem Haus-
meister der Petersburger Eremitage für

Berlin ein unfertiges Rubensbild mit 650 Ru-
beln erwerben. Daß er dann den durch den
Krieg von 1870/71 fast entschlafenen italie-
nischen Kunsthandel absuchte, überall Verbin-
dungen knüpfte und die in Italien kaum ge-
fragte Malerei und Plastik der Renaissance
einkaufte, spricht für den Weitblick des
Schöpfers des Berliner Renaissancemuseums.
Nach Städten geordnet seien seine Kunsthänd-
ler in annähernd zeitlicher Folge genannt.
Tn Venedig: der Bilderhändler A. della
Rovere, Agent der englischen National Gal-
lery, und Niccolö Barozzi, der Direktor
der Akademiesammlung, dem sein Händler-
talent die Stellung kostete, später R i c h e 11 i
und der oft gerühmte deutsche Antiken-
händler Karl Znbe r. In Mailand : G i u -
seppe Baslini, englischer Agent und
Schöpfer der Sammlung Poldi-Pezzoli, der sich
zum führenden Händler emporarbeitete und
dessen guter Blick sich neben dem Morellis
und Frizzonis behauptete. In Florenz, wo
der deutsche Sammler Baron Liphart ein
treuer Berater Bodes war: der Maler-Antiquar
Tricca, Riblet und der neben Tricca im
Palazzo Canigiani wohnende Stefano B a r -
dini, der es als Renaissancefachmann zu
Reichtum und Ansehen brachte. Daneben
traten Agenten wie G a b r i e 11 i, Ciampo-
lini, Pacini, Corsi zurück; bald aber
waren die Händler G r a s s i und V o 1 p i füh-
rend. Auch der „Fälscher“ B a s t i a n i n i
wird genannt. Durch sie alle hat Bode Mei-
sterwerke erworben, oder wie man damals
sagte „geraubt“. In R o m kamen nur der
Goldschmied und Antiquar Alessandro
Castellani, dessen Sammlung 1884 ver-
steigert wurde, und Prof. Corvisieri als
Händler in Frage; in Neapel sogar der
Hotelbesitzer Z i r.

Die Engländer kauften damals in Italien
durch Agenten, von denen der in Paris
lebende Deutsche Otto Mündler ein so
guter Kenner war, daß der Berliner Museums-
direktor Meyer mit dessen Bücherei auch die
Notizbücher erwarb, denn alljährlich hatte
Mündler für den Direktor der National Gal-
lery Eastlakc Italien abgegrast. Auch E. War-
neck, der erst Marineoffizier dann Kunst-
händler wurde, war deutscher Abstammung.
Wie Mündler und Warneck galt in Paris als
guter Agent ein vornehmer alter Engländer
Mr. R u 11 e r , der erst ein reicher Sammler
gewesen, dann alles verloren hatte und als zu-
verlässiger Experte Bode bediente. Damals
spielten im Pariser Handel Gauchez, G a -
vet, Bourgeois, der Sammler S p i t z e r
und Eugene Piot, der Schöpfer der Samm-
lung Dreyfus (die erst seine Sammlung ge-
wesen), eine Rolle. Daß auch ein französischer
Consul in Smyrna den Berliner Museen eine
gute Sammlung verkaufte, sei nebenbei be-
merkt.
Damals als Bode seine große Sammelarbeit
begann, war noch L o n d o n durch den rei-
chen englischen Kunstbesitz und Kunsthandel
vor Paris führend, und es ist begreiflich, daß
dann alle Angriffe gegen den Rivalen Bode
aus London kamen, wie z. B. der Florastreit,
dem er die sogenannten Florakinder, die
gestifteten Kunstwerke des Handels verdankte.
Immer wieder war er seit 1878 in London,
wo er sich FI elfer und Agenten sicherte, aber
auch die adeligen und bürgerlichen Sammler
kannte. Seine Kunsthändler waren: der
deutsche Kunstschriftsteller Dr. Jean Paul
Richter, Davis der Unterhändler der
Sammlung Marlborough, dann Sulley, Goo-
d e n , der Champagnerhändler P f n n g s t,
P. und D. C o 1 n a g h i, Douglas, L. Har-
ris, Agnew u. a.
Wie sehr noch' der deutsche Kunsthandel
im allgemeinen zurücktrat, das beweisen

Bode’s Aufzeichnungen für jene Jahre aro
besten. Sein Vermittler in München wat
Alexander Günther, den er als Sanin1'
ler und Helfer zu rühmen weiß. Auch kauft®
er einmal aus der Sammlung des Architekten
Lorenz Gedon, dessen Dekorationsstil da'
mals auch die Museen eroberte. Später trat
noch Julius Böhler hinzu. In BerH11
nennt er nur das bekannte AuktionshaU5
Lepke und den Kunsthändler van Daß1,
Im dritten Bande seiner Erinnerungen, d®r
noch nicht erscheinen konnte, dürften dan11
die großen neueren Kunsthändler der Reichs'
hauptstadt erscheinen, von denen er einzeln®11
wie Karl Haberstock und Dr. P 1 i e t z s c h
nahestand.

Schließlich bleibt der Wiener Kunsthai1'
del zu nennen, der damals kaum eine Roll®
spielte. Einmal wird ein Händler Posoul
genannt, häufiger pin frühverstorbener Ha’1'
Schwarz. Sonst ist von dem Wiener Hand®
nicht die Rede. Mag auch noch manches a®5
anderen Quellen zu ergänzen sein, hier sollt®
nur Bode selbst als Quelle dienen.
So spiegelt sich also ein Teil des internati0'
nalen Kunsthandels in den Erinnerungen dl®'
ses großen Museumsschöpfers wieder, der wd1
der genialste Sammler seiner Zeit war.
er doch neue Sammelgebiete erschlossen, w1®
die orientalischen Teppiche, die italienisch®11
Terracotten und Kleinbronzen, die Original-
rahmen und anderes. Kein Wunder, daß ®l
nicht nur eine eigene Schule deutscher M11
seumsleiter, sondern auch zahlreiche Samnd®
durch Rat und Tat heranzog und verschied®11/
deutsche Museen, wie vor allem Straßbur»'
durch Einkäufe bereicherte und beriet. W®]1j
heute den Museen der Welt eines fehlt, so S1P ,
es eben solche Führernaturen und Schöpf®
wie Wilhelm Bode, dessen Wirken das e111
Grundgesetz des Museumswesens erwies, d. ■<
ein alter englischer Fachmann in den kl115,
sischen Satz einer Konferenz zusammenfaßt®

„Gentlemen! Yon must have a man!“

MARIA ALMAS
München • Ottostr a sse 1b

Gemälde erster Meister des 15. bis einschließlich 19. Jahrhunderts

Antiquitäten «Einrichtungen des 18.Jahrhunderts
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