Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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VI.

Kritische Erörterungen zur Prinzipienlehre
der Kunstwissenschaft.

Von

Oskar Wulff.

(Fortsetzung.)

Mit der psychologischen Nachprüfung dieser Begriffe treten wir
in die eingehende Auseinandersetzung mit Wölfflin ein, ohne die Füh-
lung mit dem Gedankensystem Schmarsows aufzugeben, der der kunst-
wissenschaftlichen Begriffsbildung auf psychologischer Grundlage auch
in dieser Richtung vorgearbeitet hat. Wenn er das Wesen des Plasti-
schen, Malerischen, Architektonischen usw. als den Inbegriff derjenigen
Eindrücke aufgefaßt wissen will, welche in ihrer reinsten und stärksten
Wirkung nur-durch die gleichnamige Kunst ausgelöst werden können 1),
— so ist damit bereits die Frage nach ihrem Gestaltungsprinzip gestellt.
Denn es liegt auf der Hand, daß der besonderen Art der Wirkungen
auch eine schöpferische innere Anschauungsweise entsprechen muß,
aus der sie hervorgeht. Es gilt aber auch hier wieder nur, die bereit-
liegenden Ergebnisse der neueren Psychologie, und zwar der differen-
tiellen, für die Kunstwissenschaft zu verwerten. Sie bietet in der
Lehre von den individuellen Typen der künstlerischen Begabung den
Schlüssel zu dieser Frage und führt zur Erkenntnis, daß es sich in
den verschiedenen Richtungen des künstlerischen Schaffens um Repro-
duktionstendenzen besonderer Sinnesanlagen handelt2). Auch in der
Ästhetik ist neuerdings mit Recht geltend gemacht worden, daß die
Begriffe des Malerischen, Musikalischen und andere mehr zwar von
den gleichnamigen Künsten abgeleitet sind, daß sie aber im gewöhn-
lichen wie auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch längst eine viel
allgemeinere Bedeutung gewonnen haben3). Sie bezeichnen eine von

') Schmarsow. Unser Verhältnis zu den bildenden Künsten S. 66 und Beitr. zur
Ästhet, d. bild. K. usw. I, S. 6 ff. und III, S. 3 u. 223.

2) Meumann, Die Ästhetik der Gegenwart S. 99 ff. und System der Ästhetik
S. 33 ff., sowie besonders Müller-Freienfels, Psychol. d. Kunst I, S. 85 ff.

8) Lotze, Geschichte d. Ästhetik in Deutschland. München 186S, S. 557 ff. und
neuerdings R. Hamann, Ästhetik, Leipzig 1911, Aus Natur u. Geisteswelt 345. Bdch.,
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