Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BEMERKUNGEN. |Q9

V = Vertreter, v = Vertreter mit oberem ganzen Wechselton der Quinte, melo-
dische Nebenform; entsprechend ^, -c.

Das Schema läßt erkennen, wie jede entferntere Nebenform oder Funktion der
einen Dominante sofort in eine nahe Beziehung zur anderen Dominante tritt. Hierin
äußert sich die tonale Kraft der Tonika. Unser Tonalitätsempfinden fordert, daß
alles Fortstrebende wieder zurückgezogen werde; mit jedem Schritt von der Tonika
fort entsteht eine elastische Spannung. Aus dieser Spannung heraus suchen wir
jede Harmonie, die nicht unmittelbar auf die Tonika zurückleitbar ist, sei es in
Klang oder Tendenz, wenigstens zu einer der Dominanten in enge Beziehung zu
setzen. Bei manchen Harmonien ist kein Zweifel, zu welcher Dominante sie ge-

noren (z. B. pH nur zu S, VII nur zu D), andere aber stehen als verwandt mit der
e'nen, als Vertreter mit der anderen Dominante in Beziehung, so beide Wege zur
Tonika ermöglichend, bald durch einfache Umdeutung (lI = o=S'), bald durch

Umdeutung mit Alteration lll = "S,(o)—11= (S>), O/. Im einen Falle übt die Ton-
art (oder Tonart verkörpernde Tonika) ihren diatonisch gestaltenden Einfluß aus,
"n andern Falle gehorcht die Harmonie dem Eigenwillen einer Dominante. —
Organisch greifen auch die Gegensätze Dominante-Subdominante ineinander, Ziel-
losigkeit begrenzend, Mannigfaltigkeit vereinfachend. Diese für das tonale Empfinden
und Denken grundlegende Tatsache ist das bedeutsamste Ergebnis aus dem Zu-
sammenwirken von Verwandtschaft und Vertreterschaft.

Zur Lehre vom Rhythmus.

Von

August Schmarsow1).

Physische Ordnung nennen wir diejenige, nach der sich die Naturerschei-
nungen von selbst verwirklichen, indem sie einander gegenseitig bestimmen.

Die physische Ordnung kann statisch sein, d. h. sich im Ruhezustand dar-
stellen, oder dynamisch, d. h. sich in einer Bewegung offenbaren. — Die statische
Ordnung ist allein räumlich und besteht in einem gewissen Verhältnis der Lage
zwischen einer Mehrzahl nebeneinander vorhandener Glieder. Eine Art solches
Verhältnisses ist diejenige, die in der Ausdehnung »Symmetrie^ genannt wird.

Die dynamische Ordnung ist der Erfolg der Lageveränderung einer Mehr-
heit von Elementen , die durch systematische Anstöße bewegt werden. Sie ist zu-
gleich räumlich und zeitlich: räumlich, weil ebenso wie der Ruhezustand auch die
Bewegung strengstens die Ausdehnung voraussetzt, und zeitlich, weil die Anstöße,
aus denen sie hervorgeht, eine Folge in der Dauer ausmachen.

Die statische oder dynamische Ordnung ist natürlich verschiedener Grade
fähig. Alle Austeilung der Dinge, die aus Verhältnissen des Abstandes oder der
Abfolge entspringt, abgesehen von deren eigener Natur oder deren treibender

') Nach Henri Goujon, L'expression du rhythme mental dans la me'lodie et
dans la parole. Paris 1907, übersetzt und bearbeitet von A. Schmarsow.
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