Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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226 BESPRECHUNGEN.

wäre die schönste Frucht des anregenden Buches von Birnbaum, wenn es vertieftei
Forschung die Bahnen öffnen würde. Liebhaber seelischer Filigranarbeit kämen
bei diesen Aufgaben voll auf ihre Rechnung. Nur muß man sich grundsätzlich vor
dem Fehler hüten, in allem Nicht-Normalen Pathologisches zu wittern, statt alle"1
dieses im Krankhaften zu suchen. Ein den Durchschnitt weit überragendes Gedächt-
nis ist nicht krankhaft, wohl aber eine Gedächtnisschwäche, welche die Lebenstau0-
lichkeit beträchtlich herabsetzt. Ein optisches Vorstellungsvermögen voll plastischer
Deutlichkeil und farbiger Frische ist nicht krankhaft, aber Halluzinationen sind es>
die ihren Träger belästigen und verwirren. Selbst Birnbaum entgeht nicht ganz
der Versuchung, das Reich des Pathologischen zu weit auszudehnen und ihm dann
Lorbeeren zu streuen, die ihm eigentlich nicht gebühren. Aber völlig teile ich seine
Ansicht, die er zum Motto des Buches erhoben hat, das die schlichten Worte von
E. Th. A. Hoffmann einleiten: »Immer glaubte ich, daß die Natur gerade beim
Abnormen Blicke vergönne in ihre schauerlichste Tiefe«.

Rostock. Emil Utitz.

Siegbert Elkuß f, Zur Beurteilung der Romantik und zurKritik ihrer
Erforschung. Herausgegeben von Franz Schultz. 39. Band der historischen
Bibliothek. München und Berlin 1918, Verlag von R. Oldenbourg. X u. 115 s-
Man geht mit sehr großen Erwartungen an die Lektüre dieses Buches heram
wenn man die Worte begeisterter Anerkennung liest, die der Herausgeber Franz
Schultz diesem Werke des früh verstorbenen Autors mit auf den Weg gibt; den"
es kann wohl für die Erstlingsleistung eines wissenschaftlichen Schriftstellers kaum
ein höheres Lob geben, als es die Worte ausdrücken, in denen Schultz die BedeU'
tung der vorliegenden Arbeit zusammenfaßt. Er findet in ihr »die reife Bekundung
einer wissenschaftlichen Persönlichkeit, die in ihrer Vereinigung eines über alles
Fächerwerk einer Einzeldisziplin hinausgreifenden Wissens mit wahrhaft geistes-
geschichtlichen Fähigkeiten, dem Vermögen subtilen begrifflichen Unterscheide^)
einer urbanen Schmiegsamkeit und Feinfühligkeit und der Kunst epigrammatisch
scharfer Formulierung sobald nicht wieder begegnen dürfte«. Dem Referenten des
Buches, will er seinerseits ein Gesamturteil seiner Besprechung voranschicken, bleibt
nur übrig, zu bedauern, daß so glänzende wissenschaftliche Eigenschaften und
Fähigkeiten, die anzuerkennen er gar nicht umhin kann, im vorliegenden Falle dort1
nur eine Leistung von recht problematischen positiven Ergebnissen zustande bringen
konnten. Die kritische Einstellung, die als wahre Kritik ihrem Wesen nach imnie'
zu eminent positiven Resultaten gelangt, ist in der Arbeit von Elkuß jedoch s"
äußerlich und willkürlich an ganz anders geartete Ausgangspunkte der Untersuchung
herangetragen, daß die dadurch bedingte Unfertigkeit und Unabgeschlossenheit deS
Ganzen zurückschließen läßt auf eine gewisse Disziplinlosigkeit der wissenschaft-
lichen Gesamthaltung, die in ihrer Auswirkung denn doch zu fühlbar ist, als daß
sie verschwiegen werden könnte. Die Hauptthese des Buches, der alle Einzelunter-
suchungen dienstbar sein sollen, vertritt die Anschauung, daß die Charakterisierung
der Romantik als einer geschlossenen historischen Erscheinung bisher zu sehr
orientiert war an den literarischen Erscheinungen und Programmen der Früh-
romantik, daß demgegenüber erst eine eingehende Analyse der spätromantischen
Theorien, wie sie in Geschichte, Jurisprudenz, Politik, Theologie usw. vorliegen,
das Material zu einer umfassenden Begriffsbestimmung zu liefern imstande ist-
Gegen diese Aufstellung ist so lange nichts einzuwenden, als sie dem immer frag-
mentarischen Charakter unseres Wissens in einem bestimmten Einzelfalle Ausdruck
verleiht und Zukunftsaufgaben der Wissenschaft umschreibt; sie ist also denkbar
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