Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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244 BESPRECHUNGEN.

Ich habe mich bemüht, die leitenden Gedanken des Verfassers über die Ent-
wicklung der indischen Plastik vorstehend in möglichster Knappheit wiederzugeben.
Den 53 Seiten der Einleitung und weiteren 33 Seiten Bemerkungen zu den einzelnen
Tafeln, literarischen, ikonographischen und stilkritischen Inhaltes, stehen 161 Bild-
tafeln gegenüber, fast die doppelte Anzahl. Der enorme zeitliche und örtliche
Umfang des vorliegenden Kuustgebietes stempelt das handliche Buch, das mit seinem
vorbildlich großen Abbildungsmaterial dem sehfähigen Leser die Einfühlung in
ganz neue Kunstformen ermöglicht, zu einem Leitfaden, allerdings einem solchen,
der weit sicherer führt, als umfangreichere von englischen Autoritäten verfaßte.
Vor allem ist der Text bei aller Kürze durch die Fülle der neuen Gesichtspunkte
überaus anregend zur Weiterverarbeitung des Gebotenen. Jedes einzelne Kapitel
fordert hierzu auf. Wie lohnend eine solche breitere Behandlung eines Spezial-
gebietes sein kann, das beweist das treffliche Werk über javanische Plastik und
Architektur aus der Feder Karl Withs (Folkwang-Verlag, Hagen i. W. 1920). Nach
dem Datum des Vorwortes ist es etwa dreiviertel Jahr vor dem Cohnschen voll-
endet, steht ihm also völlig selbständig gegenüber. Doch kommt das letztere auch
ihm zugute, denn die Leser der »Indischen Plastik« sind schon »im Bilde«, wenn
sie an das Studium der Wünschen Arbeit herantreten. Der zur Verfügung stehende
Raum verbietet leider eine eingehende Besprechung, die es in hohem Maße verdient.

Bremen.

Heinrich Smidt.

Piero della Francesca. 80 Tafeln mit einführendem Text von Hans Graber.
Basel 1920, Verlag B. Schwabe & Co.

Die Veröffentlichung ist eine Festgabe zum 500. Geburtstage des Künstlers.
Das Haupt der umbroflorentinischen Malerschule erscheint hier aufs neue als einer
der hervorragendsten Vertreter gemeinsamer romanischer und germanischer Empfin-
dungsweise. Die seinen Schöpfungen eigene Mischung italienischer Monumen-
talität mit nordischer Strenge und Sprödigkeit hat den Meister von Borgo San
Sepolcro seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts zu einem besonderen Schützling
deutscher kunstgeschichtlicher Forschung gemacht, ohne daß bisher eine erschöpfende
Monographie über ihn erschienen wäre.

Die vorliegende Veröffentlichung beschränkt sich auf eine übersichtliche hand-
liche Zusammenstellung der sicher beglaubigten Werke. Ein knapper temperament-
voll geschriebener Begleittext führt den Laien in die Welt des Meisters ein, ohne
daß die tieferen künstlerischen und geschichtlichen Probleme berührt würden oder
eine Auseinandersetzung mit den mannigfachen Fragen der Fachwissenschaft ver-
sucht worden wäre. Letzteres lag außerhalb des Plans des Verfassers.

Was dem Künstler seine historische Stellung in der Entwicklung der italienischen
Malerei anweist, ist zugleich dasselbe was seine Gestalt in den engeren Gesichts-
kreis der Kunstbewegung unserer Tage rückt. Die Vereinigung objektivster plasti-
scher Strenge und Größe mit feinstem pleinairistischen Erfassen atmosphärisch-
koloristischer Probleme läßt die Kunst des alten Meisters sowohl als überraschende,
ewig merkwürdige Vereinigung florentinischer Dramatik und umbrischer Lyrik
erscheinen, wie als Vertreterin zweier, unserer Zeit als unvereinbar geltender künst-
lerischer Gegensätze. Die beiden feindlichen Richtungen des »alten« Impressionis-
mus und des »neuen« Expressionismus können mit gleichem Recht den Meister
der Aretiner Kreuzlegende und den Londoner Täufer Christi als Kronzeugen fi>r
ihre Sache aufrufen.

Die vortrefflichen Wiedergaben mit kennzeichnend ausgewählten Einzelauf nahmen
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