Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BESPRECHUNGEN. 253

heute so leidenschaftlich verfochtenen Instinkttheorien jedes künstlerischen Schaffens
erblicken. Die Rückkehr zu handwerklicher Gesinnung, zur Werkfreudigkeit wird,
so darf man mit Schumacher hoffen und glauben, auch eine Rückkehr zur Natur
a,s Lehrmeisterin herbeiführen.

An diesem Wege der Jugend einen festen Markstein und Wegweiser errichtet
j* haben, bleibt das hohe Verdienst des Baukünstlers und Bauschriftstellers
ffltz Schumacher, den wir leider an dieser Stelle bei seinen sehr fesselnden, rein
echnischen und historischen Untersuchungen, die den zweiten Teil des Buchs
Wien, im einzelnen kritisch zu begleiten uns versagen müssen.

Dresden.

Ludwig Kaemmerer.

c
rr|st Cassirer, Heinrich vonKIeist und die Kantische Philosophie.

Philosophische Vorträge der Kant-Gesellschaft, Nr. 22. Berlin, Reuther &
Reichardt, 1919. 56 S.
r,'z Ohmann, Kleist und Kant. In der »Festschrift für B. Litzmann zum
60. Geburtstag, 18. Mai 1917«, im Auftrage der Literaturhistorischen Gesell-
schaft Bonn, herausgegeben von C. Enders. Bonn 1920. S. 105—131.
Nach der herkömmlichen Erklärung der bedeutsamen Briefe Kleists (an seine
Braut) vom 22. März und (an seine Schwester) vom 23. März 1801 hat der Dichter
lst in jenem Frühjahr mit der Kantischen Kritik genaue Bekanntschaft gemacht
'nd ist unter dem Eindruck des »Allzermalmers« und seiner Lehre von der Idealität
er Erkenntnis zusammengebrochen. Dieser Deutung aber widersprechen anschei-
'end die Tatsachen und der Inhalt jener Briefe selbst. Denn einmal hatte sich Kleist
e't 1799 eingehend mit Philosophie beschäftigt, trug seiner Braut schon im Jahre
00 den Kantischen Pflichtbegriff vor und wollte im Spätjahr die »neueste Philo-
Phie< nach Frankreich verpflanzen, die doch nur Kants Lehre sein konnte. Ander-
"s ist der Idealismus, über den er zusammenbricht, durchaus nicht im Sinne
^*lts, sondern etwa derjenige eines Berkeley, der tatsächlich jede Möglichkeit
"jektiver Erkenntnis leugnet. Aus Kants Kritik der reinen Vernunft könnte eine
'che Leugnung nur ein Anfänger oder ein ungeduldiger Leser herauslesen, der
as w/^ nicht zu Ende führt; vielleicht auch jemand, der von vornherein einen
andpunkt einnimmt und von da aus zu dem Kern der Lehre nicht vordringen
. nn- Ohmann und Cassirer haben diese Schwierigkeiten schärfer als alle ihre
°rgänger ins Auge gefaßt. Die Arbeit des ersteren blieb zunächst ungedruckt
er Verfasser ist im Kriege gefallen, Freunde haben seine Untersuchung zum Druck
S rüstet), und inzwischen kam ihm Cassirer mit seiner geistvollen Abhandlung
i lvor. Nach ihm hat Kleist tatsächlich bereits vor 1801 die Kantische Philosophie
. "Und begriffen und der Idealismus, an dem er zusammenbrach, war nicht der-
"Se Kants, sondern der der »neueren sogenannten Kantischen Philo-
Phie«, vvie der Brief an Wilhelmine sagt, und das war nach Cassirer die
lre Fichtes, wie sie in der Schrift über »die Bestimmung des Menschen« vorge-
J?.getl wurde. Fichte langt ja dort tatsächlich bei einem völligen Bankrott des
lssens an und flüchtet sich in den Glauben, was Kant freilich nicht mitmachen
. "Ute. Cassirer zeigt dann weiter, wie sich Kleist späterhin Kant wiederum näherte,
'lcllt ohne abfällige Bemerkungen über die »Wissenschaftslehre« Fichtes zu tun.
^ versucht auch, Kleists tragisches Weltbild aus dem Zusammenbruch über der
'Hektik, der Undurchdringbarkeit und der scheinbaren Sinnlosigkeit des Seins zu
Wären, welche bei diesem Dichter durch keinen romantischen Illusionismus ge-
' "ert wurden. Aus dem Wirrsal der Welt, das keine Reflexion entwirren kann,
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