Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BESPRECHUNGEN. 259

tums vergessen, das von diesem herrlichen Freiindespaar uns entgegenstrahlt; denn
dieser Eindruck ist schlechthin gewaltig und erschütternd.

Rostock. Emil Utitz.

Conrad Wandrey, Theodor Fontane. Verlag von C.H.Beck in München,
1919.
Dies lesenswerte Buch kann in mancher Hinsicht als kennzeichnend gelten
für eine allgemeinere Zeitrichtung, Generation, Gruppe, die wieder als Gegenwir-
kung auf eine vorangegangene aufgefaßt werden muß. Der Verfasser steht im
Zeichen des modernen Antihistorismus. Mit »Historismus« meint er wesentlich
wohl den positivistisch-naturalistischen Historismus, wie ihn etwa die Scherer-
schule bei oberflächlicher Betrachtung vertritt'). Daß dieser positivistische Historis-
mus grundsätzlich scharf von demjenigen zu scheiden sei, den wir als Geist der
'historischen Schule« (in einem umfassenderen Sinne) bezeichnen können, übersieht
auch Wandrey mit Souveränität. Es möchte scheinen, daß die gewollt ungeschicht-
l'che Geisteshaltung unserem Verfasser die Pflicht auferlegen würde, sich nicht mit
einer so minderwertigen literarischen Gattung einzulassen, als welche die Lebens-
geschichte ihm folgerichtigerweise gelten muß. Auch will sein Fontanebuch nicht
Eigentlich eine lebensgeschichtliche Darstellung sein. Ihm schwebt wohl etwas
Ahnliches wie Gundolfs »Goethe« vor, mit dem sich Beziehungen von Eigenheiten
der Anordnung an bis zu Einzelheiten des Sprachgebrauchs nachweisen lassen,
freilich ohne daß Wandreys Werk irgendwie auf die Vorzüge der Gundolfschen
Leistung Anspruch erheben könnte. Nicht ganz glücklich in der Wahl seines Gegen-
standes folgt der Verfasser dem Ehrgeiz, eine monumentale Darstellung zu schaffen,
Wobei er sich in bemerkenswerter Weise zwischen zwei Stühle setzt. »Grundlagen
Und Anfänge« überschreibt er den 1. Teil seiner Darstellung und bezeichnet schon
damit seine unglückliche Stellung. Die beiden ersten Kapitel: »Lebensgeschichte«
und »Die geistige Persönlichkeit« sind gleichsam zwei Anläufe zum unklar geschauten
^'"ele. Indem Wandrey auf ein feierliches Denkmal zu Ehren seines Dichters sinnt,
drängt doch Gewohnheit oder ein von dem Gegenstand ausgehender Anreiz ihn
"nrner wieder in das Geleise der einfachen Biographie. Fontanes Vorliebe für
Wemoirenbücher, seine eigene Art, Erlebtes und Geschautes chronikartig aneinander
7-U reihen, mochte es allerdings nahelegen, ein Erinnerungswerk für ihn in die an-
spruchslosere Form der Lebensgeschichte zu kleiden. Wandrey hat ein Gefühl dafür.
Aber die programmatische Geringschätzung der historischen Mittel und Verfahrungs-
weisen tritt seinen Anläufen stets hindernd in den Weg. Wenn Wandrey schließlich
Wünscht, daß Fontanes Gehalt sich objektiv und absolut ausspreche, der Dichter
l'nd Mensch losgelöst von allem Zufälligen begriffen werde, so können wir nur
antworten: dies sei nicht die rechte Stimmung, um den traulichen Krümmungen eines
Lebensweges mit nachdenklichem Behagen zu folgen. Die verkündete strenge
^onderung des Ewigen vom Zeitlichen, der geistigen Persönlichkeit vom empi-
rischen Menschen müßte sogar notwendig den Tod der biographischen Gattung be-
deuten. Nun ist es freilich damit nicht so schlimm gemeint, Wandrey ist glücklicher-
weise außer stände, sein Programm durchzuführen. Doch hat es immerhin die
"achteilige Wirkung, zu einer unerfreulichen Magerkeit in der Darstellung zu ver-

') Daß bei Scherer selbst unter der positivistischen Oberschicht der Grundstock
e|ner sehr andersartigen wissenschaftlichen Überlieferung sich birgt, zeigt mit einer
e,genen Klarheit der Abschnitt über Scherer in E. Rothackers jüngst erschienener
'Einleitung in die Geisteswissenschäften« (Tübingen 1920).
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