Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

Page: 409
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1922/0415
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BESPRECHUNGEN. 4Q9

W. Warstat, Die künstlerische Photographie. 2. Aufl. Leipzig und Berlin,
Teubner, 1919. (Aus Natur- u. Geisteswelt, 410. Bändchen.)
Das kleine, sehr anregend geschriebene Buch von Warstat darf als eine gut
gelungene Einführung in die Geschichte und die Probleme der künstlerischen Photo-
graphie bezeichnet werden. Die übersichtliche Anordnung des Stoffes, die klare
und bestimmte Ausdrucksweise des Verfassers, sowie das geschickt zusammen-
gestellte Abbildungsmaterial tragen viel zum Genuß des lesenswerten Schriftchens bei.
Gleich das einleitende Kapitel macht uns mit einem der wichtigsten Probleme
der künstlerischen Photographie vertraut. Es ergibt sich aus dem Entstehungs-
Prozeß des photographischen Bildes. Dieser verstößt infolge seines mechanischen
Charakters gegen zwei Haupterfordernisse aller künstlerischen Darstellung: die Her-
vorhebung des Wesentlichen und die Abstufung der Bildsphären gegeneinander.

Gleichwohl hat die künstlerische Photographie beide Mängel in beträchtlichem
Umfange zu überwinden vermocht. Ein entwicklungsgeschichtlicher Überblick zeigt
ll"s die technischen und künstlerischen Schritte, durch welche dies erreicht worden
's'- Gleichzeitig macht er uns mit den wichtigsten Zielsetzungen des künstlerischen
Photographierens bekannt.

Die Technik wird durch verschiedene Verfahren, z. B. den Gummi-, den Bromöl-
oder den Pigmentdruck, verfeinert. Mit ihrer Hilfe erzielt der Photograph, an Stelle
des überdeutlichen und unnatürlich scharfen, ein in der Deutlichkeit gemildertes, in
den Konturen weicheres Bild. Sodann ermöglichen ihm technische Eingriffe mannig-
facher Art, »den Bildeindruck willkürlich zu beeinflussen, zu tiefe Schatten aufzu-
hellen, große Flächen und Linien hervorzuheben, ja sogar störende Einzelheiten
völlig zu beseitigen, andere wichtige wieder mehr hervorzuheben und zu betonen«.
Bei der Umschau nach den Zielseizungen des künstlerischen Photographierens
stoßen wir auf zwei Hauptrichtungen. Die eine hat es auf die treffendste Erfassung
des rein Gegenständlichen abgesehen und sucht dieses in der Wiedergabe so
typisch wie möglich darzustellen. So wird z. B. der eigenartige Charakter einer
norddeutschen Heidelandschaft in ihrer großartigen Öde erfaßt oder die malerische
Vielgestaltigkeit der Kleinstadt wiedergegeben.

Im Bildnis meidet man die unnatürliche Pose und verzichtet darauf, das Modell
1,1 eine theaterhaft wirkende Scheinkulisse hineinzustellen, wie es in den Zeiten des
Tiefstandes der künstlerischen Photographie vielfach geschehen war. Was man er-
strebt, ist Einfachheit, Natürlichkeit und Lebendigkeit. Man sucht das Charakte-
ristische einer Persönlichkeit zu erfassen und es mittels der neuen technischen Er-
rungenschaften zu einem treffenden Ausdruck zu bringen.

Neben dieser »realistischen« Richtung bildet sich eine andere Richtung heraus,
d'e Warstat wegen ihrer starken Anlehnung an die Tendenzen der gleichzeitigen
impressionistischen Malerei als Impressionismus charakterisiert.

Hier handelt es sich nicht sowohl darum, den Gegenstand und seine typische

Eigenart in vollem Umfang wiederzugeben, als vielmehr die Umstände, unter denen

er erscheint: seine Beleuchtung, seine Stellung im Räume. Oft interessiert den

hotographen an seinem Vorwurf nur eine einzige Bewegung oder eine beherrschende

Linie, etwa die Kontur oder die Silhouette.

Um solche Stimmungsbilder wiedergeben zu können, sucht man die photo-
graphische Platte in ganz anderem Umfang, als etwa bei der realistischen Photo-
graphie, zu beeinflussen. Jedes technische Mittel, das zur Verfügung steht, um das
"ild in der Richtung des erwünschten persönlichen Eindrucks zu steigern, wird be-
nutzt. Ja, man scheut nicht vor zeichnerischen Eingriffen in die Platte zurück.

In der Idee der künstlerischen Photographie ist ein Komplex von Einzelproble-
loading ...