Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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416 BESPRECHUNGEN.

Ich gestehe, daß ich dem Aristoteles zutraue, daß er das (für den Griechen natürlich
viel weniger als wie für den Kantianer in die Augen springende) Problem gesehen
und sich auf seine Weise darum bemüht hat. Die Antithese: Piaton der Meta-
physiker, Aristoteles der Psychologe ist billig. —

Zum Schluß möchte ich noch Gudemans Übersetzung der vielumstrittenen
Tragödiendefinition an Stelle einer ausführlichen Besprechung, bei der nicht viel
herauskommen würde, hersetzen. Es heißt cap. VI, 2: »Die Tragödie ist dem-
nach die nachahmende Darstellung einer sittlich ernsten, in sich abgeschlossenen,
umfangreichen Handlung, in kunstvoll gewürzter Rede, deren einzelne Arten ge-
sondert in (verschiedenen) Teilen verwandt werden, von handelnden Personen auf-
geführt, nicht erzählt, durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung
(Katharsis) von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend«. Zu dem Ausdruck »um-
fangreich« wünschte ich mir eine Note im Sachverzeichnis (vielleicht unter »Trago-
diendefinition«), denn des Aristoteles hochbedeutsame (übrigens sicher auf Piaton
zurückgehende, vgl. Finsler a. a. O. S. 48 ff.) Lehre von der notwendigen »Großheit«
und »Ganzheit« jegliches Kunstgebildes, die er verschiedentlich mit den verschie-
densten Wendungen (z. B. VII, 1 daß die Tragödie als ein »Ganzes« Anfang, Mitte
und Ende haben muß; VIII, 4 daß die Handlung einheitlich und vollständig sein
muß; IX, 8 daß die Episodenbildung bedenklich ist; XVIII, 6 daß die Chorlieder
mit der Handlung zu einem organischen Ganzen zusammengehen müssen) vorträgt,
steckt bereits darin und wird durch »in sich abgeschlossen« zwar angedeutet, aber
doch nicht genügend herausgebracht. Stich übersetzte seinerzeit viel besser »die
in sich abgeschlossen ist und eine bestimmte Größe hat«. Auf den »bestimmten«,
auf den »gewissen«, auf den »einzig und allein richtigen« Umfang kommt es nämlich
an, nicht aber auf ein bloßes Umfangreichsein — würde es darauf ankommen, dann
würde man wahrhaftig die Tragödien »mit der Wasseruhr« messen können, was
Aristoteles doch (wie die syrisch-arabische Quelle bestätigt) mit leichter Ironie ab-
lehnt (VII, 3). — Was die Katharsisfrage anbelangt, so bekennt sich Gudeman im
allgemeinen, wie auch aus seiner Note S. 84f. hervorgeht, zu J. Bernays, übersetzt
aber den Ausdruck selbst doch nicht mehr (wie noch Gomperz) mit »Entladung«,
sondern faßt die ganze Stelle, seinem Prinzip, jegliche Interpretation möglichst aus-
zuschalten, entsprechend, konservativ in engem Anschluß an den griechischen Wortlaut.

Eine gelehrte Leistung, wie die neue Übersetzung es ist, flößt Hochachtung ein
und man soll nicht im kleinen an ihr herummäkeln. Daß Gudeman die griechische'1
Kunstausdrücke beläßt (Auletik, Epyllion usw.), hat mir gut gefallen; dergleichen
kann wohl von Noten begleitet, aber nicht eigentlich übersetzt werden. Wendunge'1
wie »Krethi und Plethi« (S. 64) sind dagegen natürlich ein Stilfehler und auch die
Verwendung lateinischer Kunstausdrücke wie »propter hoc«-, »post hoc« (S. 21) ist
vielleicht nicht ganz am Platz. Der »bekannte« Vers (nämlich Fuldas Spottdistichon
auf die Xeniendichter) ist S. 48 Fußnote 1 in einer ziemlich unmöglichen Weise
falsch zitiert.

Heidelberg. Hermann Glockner.

Benedetto Croce, Goethe. Deutsch von Julius Schlosser, Amalthea-Verlag,
Zürich, Leipzig, Wien.
Es gibt wieder internationale Höflichkeiten, und unsere Beziehungen zu Italic
sind nicht bloß »korrekt«, sondern beinahe herzlich. Die deutschen Dante-Feiern
des vorigen Jahres waren mehr als Courtoisie, sie legten den Ton darauf, "*
die Beschäftiguug mit Dante gerade heute eine deutsche Angelegenheit sei-
In diesem Buche nun, das vor kurzem über die Alpen kam, revanchiert sich gle'c


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