Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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432 BESPRECHUNGEN.

Produkten der »Übergangszeit«, bei denen unseligerweise das Umgekehrte der Fall
war, absieht) überall der Dichter dem Denker Hebbel den Weg bereitet, so daß
der eine nur ausspricht und auf »Regeln« bringt, was sich für die geniale Sicherheit
des anderen beinahe »von selbst versteht« — das muß ja immer als die letzte Auf-
gabe einer jeden Arbeit bezeichnet werden, die sich überhaupt mit Hebbel-Pro-
blemen beschäftigt.

Heidelberg. Hermann Glockner.

Wilhelm Neuß, Michelangelos Schönheitsideal. Sonderabdruck aus dem
Werke: Ehrengabe deutscher Wissenschaft, dargeboten von katholischen Ge-
lehrten, herausgegeben von Franz Feßler. Freiburg i. Br., Herder & Co., 1920.
Die These dieser Schrift ist in den Worten zu finden: »Einheit von Inhalt und
Form, verwirklicht vom Künstler nach seiner Eigenart. .. Der Inhalt gefährdet die
Form bei dem echten Künstler nicht, sondern belebt im Gegenteil das formale
Schaffen; er beeinträchtigt die subjektive Eigenart nicht, sondern erhält sie gegen-
über den äußerlichen Kunstgewohnheiten der Zeit frei und selbständig und geh'
doch wieder in jeder Zeit und Kultur mit der Form neue und eigenartige Verbin-
dungen ein.« Diese allgemeinen Gedankengänge sagen über Michelangelos Schön-
heitsideal nichts neues und besonderes. Sie sind auch nur die Schlußfolgerung
einer Polemik gegen die Überschätzung des Piatonismus in der Renaissance. Zu-
gegeben, daß Karl Borinskis geistreiches Buch »Das Rätsel Michelangelos«, die
Lösung des Problems allzu einseitig auf der Bahn des Piatonismus sucht, so be-
fremdet, daß im Dante-Jubiläumsjahr ein katholischer Gelehrter, der Ludw. v. Scheffler
Mangel an Vertrautheit mit der katholisch-mittelalterlichen Geisteswelt vorwirft und
mit Recht auf Augustin als Quelle der christlichen Geisteswelt hinweist, die Be-
ziehungen Michelangelos zu Dante erheblich abzuschwächen sucht. Soll einem
Katholiken gegenüber die Bedeutung der christlichen Weltanschauung im Zeitalter
Michelangelos in helleres Licht gerückt werden? Ernst Troeltsch, Karl Jakubczyk und
andere haben darauf hingewiesen, wie lebendig Dantes Dichtung in der Renaissance
im italienischen Volke lebte. Michelangelo hat einen ganzen Band Handzeichnungen
zu den Werken Dantes entworfen, hat dem Dichter ein Denkmal setzen wollen, im
»Kauernden« eine Gestalt aus dem Purgatorium versinnlicht und, wie Oskar Fischel
schreibt, »im Jüngsten Gericht Dantes Dichtung der Nachwelt in ihren wesentlichen
Symbolen innerlich nahe gebracht.« Es widerspricht also den historischen Tatsachen,
das Verhältnis Michelangelos zu Dante verkleinern zu wollen. Es widerspricht aber
auch jeder Erfassung von Michelangelos Schönheitsideal, wenn man nicht von der
christlichen Weltanschauung ausgeht, wie Augustin sie geschaffen und Dante sie
ausgebaut hat. Neuß stellt den bisherigen Deutungsversuchen »die Verschmelzung
von Inhalt und Form« gegenüber, aber er spricht wenig über die Art des Inhalts.
Michelangelos wichtige Erklärung zu seiner Pietä in St. Peter, die Neuß anführt, ist
ja, wie Condivi schreibt, »würdig jedes Theologen«, also aus dem Geiste der christ-
lichen Weltanschauung hervorgegangen. Gewiß spiegeln Michelangelos Werke
»seine eigene Seele« wieder. Aber diese Deutung erhält erst Farbe und Glanz,
wenn wir hinzufügen, daß diese Seele aus dem Boden der christlichen Weltanschau-
ung aufgeblüht ist. Soll aber der Boden näher charakterisiert werden, so muß von
Augustinus, Dante und auch von Plato gesprochen werden.

Berlin. Otto Grautoff.

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