Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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falls diese Gesetze sich wirklich überall als Motive erweisen, aber als unvollkommen
verwirklichte. Ethische Normen aber errichtet er damit noch nicht, denn diese sind
nicht aus Tatsachen zu gewinnen. Trotzdem bekommen seine beiden Höchstwerte
in der Darstellung des Buches mehr und mehr normativen Charakter, als hätte man
die Pflicht, jeweils einen von ihnen zu wählen. Lassen sich nun wirklich alle mensch-
lichen Handlungen auf zwei Urmotive zurückführen? Es wäre denkbar, daß alle
Handlungen letztlich zwei Tatsachen bewirken, eben Vereinheitlichung und Ver-
mannigfaltigung. Aber sie täten das dann als ungewollte Konsequenzen unseres
Handelns, die unseren bewußten Absichten meist nur zur Seite laufen. Die bewußten
Motive menschlichen Handelns aber entbehren einer obersten Einheit, beziehungs-
weise Zweiheit, wie sie Schultz sucht. Und für die Unterscheidung des ästhetischen
und praktischen Typus bedarf es deren auch gar nicht, da der Unterschied sich ja
nicht von den Inhalten, sondern von den Verhaltungen herleitet, die hier genießend,
dort handelnd sind.

Trotz aller Einwände, die nicht verschwiegen bleiben sollten, sei abschließend
betont: der Leser findet in Schultz' Werk allenthalben eine solche Fülle interessanter
Einzelheiten und neu gesehener Durchblicke, daß er das Buch, das eine wesentliche
Bereicherung der ethisch-ästhetischen Diskussion ist, zwar nicht mit einheitlichen,
aber mit dankbaren Gefühlen aus der Hand legt.

Berlin. Hugo Marcus.

Julius Lange, Vom Kunstwert. Zwei Vorträge. Ins Deutsche übertragen von
Ferd. Nagler. Mit einem Geleitwort von J. v. Schlosser. Amalthea-Verlag.
Zürich-Wien-Leipzig. XVI u. 155 S.

Die Wertprobleme stehen heute wieder im Mittelpunkt der ästhetischen Forschungs-
arbeit. Die Epoche des deskriptiven Kunstpositivismus, die in wertfreien psycho-
logischen Analysen ihren Hauptehrgeiz gesehen hatte, ist vorüber. So ist dieses
Buch, dessen Grundgedanken in den Jahren 1S70 — 74 konzipiert wurden, heute durch-
aus zeitgemäß. — Noch aus einem anderen Grund muß der Gedanke J. v. Schlos-
sers, diese Schrift Langes übersetzen zu lassen, begrüßt werden. Julius Lange, der
bedeutendste skandinavische Kunsthistoriker, ist in Deutschland außerhalb des engeren
Kreises seiner Fachgenossen viel zu wenig bekannt. Sein Bruder Karl, der patho-
logische Anatom, ist den Ästhetikern weit vertrauter. Mit Unrecht. Denn Karl Lange
gibt in seiner Arbeit »Sinnesgenüsse und Kunstgenuß«, deutsch von H. Kurella,
1903, eine grob-sensualistische Kunstlehre, die als dilettantischer Einbruch eines
Wissenschaftlers in ein ihm völlig fremdes Gebiet bezeichnet werden muß, wäh-
rend der Kunsthistoriker Julius Lange vor allem in der zur Besprechung vorliegen-
den Schrift dem Ästhetiker und Kunstsystematiker Vieles und Wertvolles zu sagen hat.

Die beiden Vorträge, deren Übersetzung hier geboten wird, wurden in den
Jahren 1874 und 1876 gehalten, in ihren Grundgedanken aber — wie bereits ge-
sagt — schon früher konzipiert. Die Feststellung des Datums ist aus wissenschafts-
geschichtliclien Gründen nötig. Lange wendet sich als Vertreter einer neuen reali-
stisch-positivistischen Einstellung und Vorkämpfer einer neuen empiristisch-histo-
rischen Kimstforschung gegen die frühere spekulativ-philosophische Ästhetik. Das
liegt im Sinn der Zeit, die damals die alten Ästhetiklehrkanzeln in Professuren
einzelkunstwissenschaftlicher Art umwandelt. Es ist erstaunlich, wie sicher diese
kleine Schrift die konstitutiven Tendenzen der damaligen Zeit erfaßt. Es ist kein
Zufall, daß Lange in wesentlichen Bestimmungen den axiologischen Kriterien der
auch kunstsystematisch so interessanten Storia dtlla lettcratura italiana von Francesco
de Sanctis, die zur nämlichen Zeit veröffentlicht wird, nahekommt. In ähnlicher

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