Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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nicht möglich. Es gibt große Kunstwerke, die Dinge von sehr geringem Lebenswert
darstellen und kleine Kunstwerke, die außerordentlich erhabene Werte zum Gegen-
stand haben. Eine andere menschliche Bedeutsamkeit als die, die der Künstler seiner
Darstellung durch die Liebe zum Gegenstand verleiht, gibt es nicht. Der Wert eines
Kunstwerks liegt lediglich in der Relation zwischen dem künstlerischen Subjekt und
dem bearbeiteten Lebensausschnitt.

Es ist interessant, der Langeschen Wertformel eine andere gegenüberzuhalten,
die von Tolstoj aufgestellt wurde und die mit ihr eine gewisse Ähnlichkeit besitzt.
Tolstoj nennt einmal — bei einer kritischen Besprechung von Polenzens »Büttner-
bauer« — die drei Hauptbedingungen eines wirklich guten Kunstwerks«: 1. ein
Stoff von Wichtigkeit und Bedeutsamkeit; 2. Meisterschaft der Form; 3. muß der
Dichter von Liebe zu den von ihm geschilderten Menschen durchdrungen sein.
Dieses dritte Kriterium ist identisch mit Langes . einzigem Prinzip«. Die hetero-
nome, moralisierende Kunstauffassung Tolstojs fordert daneben noch eine An-sich-
Bedeutsamkeit des Stoffes, die Langes autonom-ästhetische Einstellung ablehnt. Das
zweite Postulat ist auch von Lange berücksichtigt worden.

Lange steht — wie bereits gesagt — durchaus auf dem Boden des um 1875
Modernen, betont seine empiristische, einzelwissenschaftliche Einstellung und äußert
seine Skepsis gegen die damalige Ästhetik. Er will alle Fragen kunstsystematischer
Art mit den Mitteln der Kunstgeschichte lösen. — Daß Lange jedoch über den
positivistischen Modestandpunkt hinaussieht, beweisen unter anderem einige Stellen
seiner Auseinandersetzung mit dem Taineschen Buch >De Videal dans i'art (1867),
das sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt. Die Schlußsätze des zweiten Vortrags
klingen fast metaphysisch und erinnern an einige Sätze in der Volkeltschen »Meta-
physik der Ästhetik« (vgl. Syst. d. Ästh. III, S. 53S). Diese Schlußsätze weisen mit
ihrer Heranziehung des Sympathiebegriffs auf gewisse damals ertönende Vorklänge
der Einfühlungslehre (Lotze, R. Vischer, Volkelt).

Alles in allem: die Schrift Langes bildet einen anregenden und wertvollen Bei-
trag zum Werlproblem, den jeder mit Genuß und Gewinn lesen wird. Eine allseitig
befriedigende, restlose Lösung dieser Fragen konnte Lange mit seinen Mitteln natür-
lich nicht geben. — Die Übertragung F. Naglers muß als in jeder Hinsicht gelungen
bezeichnet werden. Der hochverdiente Kunsthistoriker J. v. Schlosser, ein früher Be-
wunderer Langes, hat dem Werkchen ein warmherziges und instruktives Vorwort
vorausgeschickt.

Wien. Friedrich Kainz.

Robert Petsch, Gehalt und Form. Gesammelte Abhandlungen zur Literatur-
wissenschaft und zur allgemeinen Geistesgeschichte. Dortmund, F. W. Ruhfus,
1925. (Hamburgische Texte und Untersuchungen zur deutschen Philologie.
Herausgegeben von Conr. Borchling, Rob. Petsch, Agathe Lasch, Reihe II:
Untersuchungen Bd. 1.) 572 S.
Der bekannte Hamburger Literarhistoriker sammelt in diesem Bande seine an
verschiedenen Orten erschienenen Aufsätze, die nicht nur — wie der Titel sagt —
die Literaturwissenschaft und allgemeine Geistesgeschichte angehen, sondern auch
die Ästhetik aufs stärkste interessieren. Solch spezifisch ästhetisches Interesse be-
sitzen vor allem die beiden ersten Abteilungen »Vom Drama« und »Zur Theorie
des Tragischen«, die daher auch eingehendere Besprechung erfahren sollen. — Gleich
der erste Aufsatz der ersten Abteilung »Zwei Pole des Dramas« zeigt die Frucht-
barkeit seiner Methode, aus breitem empirischen Material durch kombinierte histo-
rische und phänomenologische Betrachtungsweise zu allgemeinen Aufstellungen zu
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