Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

aller Länder und Zeiten, ganz besonders der weniger bekannten, exotischen und
primitiven Formenwelten zusammengetragen und in schönen Farbendrucken wieder-
gegeben. Eine wesentliche Kunstbetätigung des Menschen ist in einer wirklich
enzyklopädischen Weise dargestellt. Von den geometrisch gezeichneten Tonscherben
der vordynastischen Zeit in Ägypten zu den Wiener-Werkstättearbeiten des Neuen
Reiches, vom geometrischen Stil Griechenlands zu den arabischen Arbeiten Klein-
asiens, von norwegischen, schwedischen, russischen Bauernarbeiten bis zu den indi-
schen, malaischen und australischen finden sich die ornamentalen Schöpfungen aller
Völker in dem schön ausgestatteten Bande vereinigt. Es ist vor allem die glutvolle
Lebendigkeit dieser Werke, der unmittelbare Zusammenhang mit dem Leben, der
für unsere Zeit, die im Vart pour Part erstarrt ist, ein Vorbild sein kann; besonders
in diesem Sinne kann die hier dargebotene Mannigfaltigkeit von ornamentalen Kunst-
werken eine Anregung für unser lendenlahm gewordenes Kunstgewerbe bedeuten.
Wien.

_ Ludwig von Bertalanffy.

Pastor, Ludwig v., Die Stadt Rom zu Ende der Renaissance. Herder,
Freiburg 1925. 4.-6. verbesserte und vermehrte Auflage. XVI u. 131 S. mit
113 Abbildungen und einem Plan.

Der Inhalt von Pastors Schrift über »Die Stadt Rom zu Ende der Renaissance«
steht in keinem theoretischen Zusammenhang mit der Ästhetik oder mit der allge-
meinen Kunstwissenschaft und doch läßt es sich wohl rechtfertigen, wenn auch an
dieser Stelle die Rede ist von einer Neuauflage des erstmals 1913 erschienenen
Sonderabdruckes aus dem 6. Band der Geschichte der Päpste. Das Bild, das der
Verfasser der aus dem päpstlichen Geheimarchiv und vielen anderen bisher noch
wenig benutzten Archiven geschöpften Geschichte der Päpste auf Grund von zeit-
genössischen Berichten (vor allem die Aufzeichnungen des Frankfurter Rechtsgelehr-
ten Johannes Fichard vom Herbst 1535), auf Grund von zeitgenössischen Zeich-
nungen (vor allem die Skizzenbücher von Marten van Heemskerck, der vom Som-
mer 1532 bis Mitte 1535 in Rom war: z. v. M. van Heemskerck, Die römischen
Skizzenbücher, herausgegeben von Hülsen und Egger, Berlin 1913 und Egger, Rö-
mische Veduten, Wien 1911) und auf Grund zeitgenössischer Stiche von Rom am
Ende der Renaissance entwirft, vermag in glücklichster Weise die große Literatur
über die Stadt Rom zu ergänzen (Reumont, Gregorovius, Grisar, Steinmann, Her-
manni, Platner-Bunsen): durch die Wahl des Zeitabschnittes, durch das reichere Ein-
gehen auf Einzelheiten, durch Verbindung des topographischen, historischen, ästhe-
tischen Gesichtspunktes, durch die Lebendigkeit und Leichtigkeit von Anschauung
wie Darstellung, durch die gedrängte Fassung. Für den, der Rom auch nur einiger-
maßen kennt und an römische Tage gern zurückdenkt, ist es ein Genuß, das Buch
zu lesen. Der Genuß ist um so größer, je stärker die Erinnerungen an Rom sind.
Aber man muß beim Lesen, will man aus dem Buche schöpfen, was in ihm liegt,
wie bei der Wanderung durch die Stadt darauf achten, Zusammengehöriges zu ver-
einen und den Überblick zu gewinnen. Ein gutes Inhaltsverzeichnis leistet hierfür
willkommene Dienste.

Proben aus dem Inhalt (in engem Anschluß an den Text): Das Rom des Cin-
quecento, mit etwa 70000 Einwohner nach einem Gesanutschaftsbericht von 1500, in
der Niederung zwischen Tiber, Pincio und dem Kapitol zusammengedrängt, von
lebhaftestem Verkehrsbetrieb erfüllt, machte mit den meist schlecht gepflasterten
finsteren Straßen und altersgrauen Häusern trotz der zahlreichen Paläste und inter-
essanten Kirchen auf verwöhnte Reisende keinen günstigen Eindruck (S. 1). Ein
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