Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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Bemerkungen

Der Raub der Europa

Von

Gerhard v. Mutius

Bernardino Luini (1480—1532), zu Mailand und in der Lombardei wirkend, ein
Schüler Leonardo da Vincis, ist der Schöpfer jener drei Bilder aus einem Fresken-
zyklus, welche die Entführung der Europa darstellen. In diesen weiblichen Gestalten
ist etwas von dem Adel Leonardoscher Frauenköpfe. Germanisches Blut und Erbe
scheinen in ihnen aufzuleuchten. Märchenhaft sind Anfang und Ende. Dazwischen
aber steht in realistischem Humor die Szene, wo der Stier bestiegen wird.

Der Auftakt ist eine weltliche Verkündigung. Venus und Amor besuchen ver-
führerisch und hoheitsvoll zugleich ein in duftiger Landschaft am Meeresufer ruhen-
des Bauernmädchen und künden ihm das Liebeswunder der Entführung durch den
höchsten der Götter, das Glücksversprechen erblühender weiblicher Jugend. — Dann
sehen wir die Mägde, die die Herde warten, alle bei einander auf der Weide, und es
erscheint nur ein Scherz und ein lustiges Spiel, daß eine derselben, eben die Europa,
auf den Rücken des friedlich daliegenden Stieres gesetzt wird, während die anderen
sich des ungewohnten Anblickes erfreuen. Diese Mägde sind kräftige Weiber, derb,
etwas ungeschlacht und gar nicht darauf bedacht, sich schön zu bewegen. Sie treiben
mit dem Stier und der Gefährtin nur ihren Spaß. Ursprüngliches Landleben mit
Jugendübermut auf der Weide! — Schließlich aber ist es doch der zum Stier ver-
wandelte Gott, der mit der Entführten durch das Meer zieht! Hier wird alles zum
Traum und Rausch! Europa hält sich an einem Horn des gelassen wie ein Schiff das
Meer durchziehenden Stieres. Ihr Fuß schleift durch die Flut, der Wind bläht ihre
Gewänder wie Segel, und halb in Angst, halb in Verzückung blickt sie nach den ver-
lassenen Gestaden zurück.

Dieser antike Mythus ist zeitloses Frauenschicksal, das sich immer wieder voll-
ziehen muß. Daß es der Herr des Olymp selber ist, der sich die Geliebte entführt,
zeugt von der Höhe weiblicher Bestimmung. Durch den Ton des anmutigen länd-
lichen Märchens wird aber auch dies große Schicksal wieder vertraut und heimlich.

Die büßende Magdalena

Von

Gerhard v. Mutius

Es konnte nicht ausbleiben, daß mit der Zeit weltliche Motive auch in die christ-
liche Askese wieder eindrangen. Denn auch der Asket, der sich von der Welt lösen


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